Ölmarkt: Schonfrist endet – wann kommt der Preisschock?
Ölmarkt: Schonfrist endet – wann kommt der Preisschock?

Der Ölmarkt trotzt bisher den Kriegswirren am Persischen Golf, doch die Schonfrist läuft ab. Seit der Tötung von Ajatollah Chamenei und den Luftangriffen Israels und der USA auf das iranische Regime Ende Februar war der Ölpreis zunächst auf über 100 Dollar je Barrel im April explodiert, bevor eine zeitweilige Waffenruhe zwischen Washington und Teheran ihn wieder sinken ließ. Inzwischen liegt der Preis nur noch rund ein Viertel über dem Vorkriegsniveau – trotz täglicher Luftangriffe beider Seiten. Die von vielen Experten befürchtete Katastrophe auf dem Energiemarkt ist bislang ausgeblieben, doch die Entwarnung könnte verfrüht sein.

Die Ruhe ist trügerisch

Obwohl nur noch ein Bruchteil der Tanker durch die Straße von Hormus fährt, ist die weltweite Ölversorgung nicht zusammengebrochen. Milliarden Menschen leiden zwar unter höheren Spritpreisen, aber katastrophale Lieferengpässe, Fahrverbote oder leere Supermarktregale blieben bisher aus. Diese Stabilität ist jedoch alles andere als nachhaltig. Die Energiemärkte haben sich zwar schneller als erwartet an den Lieferinfarkt angepasst, doch die Entlastung steht auf wackligen Füßen. Das Kriegsgeschehen eskaliert erneut, und ein Ende ist nicht abzusehen.

Der Chef der Internationalen Energie-Agentur (IEA), Fatih Birol, schlägt Alarm: "Angesichts der Eskalation der Feindseligkeiten können wir uns bei der Ölversorgung nicht in Sicherheit wiegen." Er fordert: "Die vollständige und bedingungslose Öffnung der Straße von Hormus ist notwendig, um eine weitere Verschärfung der globalen Energiesicherheitslage zu verhindern."

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Warum die Lage sich zuspitzt

Die Gründe liegen in der Wiederaufnahme der Kampfhandlungen. Trump hat die Waffenruhe für tot erklärt, die Iraner bezeichnen die Verhandlungen als "nutzlos" und haben die Meerenge erneut geschlossen. Das Vertrauen zwischen Teheran und Washington ist zerstört, beide Seiten beharren auf Maximalforderungen. Ein erneuter Waffenstillstand scheint in weite Ferne gerückt.

Bislang haben mehrere "Dämpfungsfaktoren" das Schlimmste verhindert, wie Birol ausführt. Ölproduzenten am Golf umgehen die Blockade über alternative Routen, etwa die saudische Ost-West-Pipeline nach Yanbu am Roten Meer oder die Abu-Dhabi-Rohölpipeline nach Fujairah. Zudem haben die USA, Brasilien, Venezuela, Kasachstan und Russland ihre Exporte erhöht. China konnte dank riesiger Reserven seine Ölimporte fast halbieren und so den Weltmarkt stabilisieren.

Reserven schwinden – die Lücke bleibt

Entscheidend war jedoch die Flutung des Marktes mit Notfallreserven: Die IEA-Mitgliedsländer haben seit dem 11. März fast 290 Millionen Barrel freigegeben. Doch diese Bestände gehen zur Neige. Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, dass während der Monate März bis Mai nur noch sieben Millionen Barrel Rohöl täglich den Persischen Golf verließen – statt 20 Millionen vor dem Krieg. Die Differenz konnten andere Produzenten nur zu einem geringen Teil ausgleichen (1,7 Millionen Barrel). Der Rest wurde durch Nachfragerückgang (5,8 Millionen) und die Nutzung von Reserven (4,1 Millionen) kompensiert.

Der Ölmarkt "lebt auf Pump", bringt es das US-Portal CNBC auf den Punkt. Der IWF warnt, dass die derzeitigen Preise die "historische Disruption" der Ölversorgung nicht widerspiegeln. Der Sicherheitspuffer sei bei der Wiederaufnahme der Kämpfe bereits viel kleiner gewesen als zu Kriegsbeginn. Sollten die Reserven nicht wieder aufgefüllt werden, starte die Welt beim nächsten Schock aus einer schwächeren Position.

Schlimmer als die Ölkrisen der 70er

Der IWF zieht einen ernüchternden Vergleich: Gemessen am Umfang des Lieferausfalls ist der Iran-Krieg schon jetzt verheerender als der Iran-Irak-Krieg in den 1980er-Jahren oder die Ölkrisen der 1970er-Jahre, obwohl diese länger dauerten. Und die Aussichten sind düster: Alternative Produzenten können die riesige Lücke nicht dauerhaft schließen, und auch die Ausweichrouten geraten in Gefahr.

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Die mit dem Iran verbündeten Huthi-Milizen im Jemen beschießen inzwischen Tanker an der Einfahrt zum Roten Meer und drohen, diese strategische Meerenge ebenfalls abzuriegeln. Das hätte nicht nur Folgen für die saudischen Öllieferungen, sondern könnte auch den Containerverkehr durch den Suezkanal massiv beeinträchtigen. Drohnen haben sogar Gastanker im ägyptischen Hafen Damietta im Mittelmeer in Brand gesetzt.

Märkte setzen auf Trumps Rückzug

Erstaunlicherweise bleiben die Ölmärkte angesichts dieser Bedrohungen gelassen. Viele Anleger setzen auf den sogenannten TACO-Trade – die Wette, dass US-Präsident Trump in Konflikten am Ende einknickt, um steigende Spritpreise vor den Kongresswahlen zu vermeiden. Doch dieses Mal ist das Risiko deutlich höher, denn Trump zeigt bisher keinerlei Anzeichen des Einlenkens.

Sollte der Krieg ohne Unterbrechung weitergehen, könnten die Ölpreise bereits Anfang 2027 aus ihrem bisherigen Korridor von 80 bis 100 Dollar ausbrechen, warnte der Chef des italienischen Ölkonzerns ENI. Der einzige Ausweg wäre ein dauerhafter Frieden am Persischen Golf – doch danach sieht es derzeit nicht aus.