In der Krise der deutschen Autoindustrie entbrennt ein neuer Konflikt um die Arbeitszeit. Arbeitgeber fordern eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche, doch die IG Metall warnt, dass längere Arbeitszeiten die Arbeitslosigkeit in den ohnehin nicht ausgelasteten Fabriken verschärfen würden. Allein in Baden-Württemberg gab es im vergangenen Jahr 300 Abweichungen vom Flächentarif – 50 mehr als 2024, wie die Gewerkschaft mitteilt.
Abweichungen vom Tarifvertrag nehmen zu
Die Abweichungen vom Branchentarif sind in der aktuellen Krise eher die Regel als die Ausnahme. Dabei einigen sich Arbeitgeber und IG Metall auf befristete Kostensenkungen, etwa durch Lohnverzicht oder längere Arbeitszeit bei gleichem Gehalt, im Gegenzug für Beschäftigungsgarantien. Horst Ott, IG-Metall-Chef in Bayern, betont: „Wir schneiden die Tarifverträge zu, wenn es in den Betrieben einen Bedarf gibt.“ In Bayern gibt es noch mehr Abweichungen als in Baden-Württemberg. Ott kritisiert die Forderung von Mercedes nach der 40-Stunden-Woche scharf: „Mercedes haut die 40-Stunden-Woche raus, die haben aber nicht einmal Arbeit für 35 Stunden.“
Beispiel Mahle: Einmalzahlungen gekürzt
Statt längerer Arbeitszeiten setzen viele Unternehmen auf Kürzungen bei Sonderzahlungen. Beim Autozulieferer Mahle einigten sich Unternehmensführung und Arbeitnehmervertreter auf die Senkung von Einmalzahlungen sowie eine Verschiebung der Entgelterhöhung für die Stuttgarter Standorte. Im Gegenzug erhält die Belegschaft Kündigungsschutz bis Ende 2029. Konzernchef Arnd Franz kommentierte: „Die Einigung ist elementar, um Mahle an die verschärften Marktbedingungen anzupassen.“ In Bayern hingegen brach Mahle die Verhandlungen für den Standort Neustadt an der Donau ab, schließt das Werk mit 400 Mitarbeitenden und verlagert die Fertigung der Auto-Klimaanlagen in die Slowakei. Ott bezeichnet dies als politisch-ideologische Entscheidung: „In Neustadt wurde profitabler gearbeitet als in der Slowakei, wo sich die Verluste auf einen dreistelligen Millionenbetrag summiert haben.“
IG Metall befürchtet Angriff auf die 35-Stunden-Woche
Die Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie mit 3,8 Millionen Beschäftigten stehen im Herbst an. Die IG Metall befürchtet, dass der Arbeitgeberdachverband Gesamtmetall die Krise nutzen will, um die 35-Stunden-Woche anzugreifen. „Die sehen sich auf der Gewinnerseite und möchten uns jetzt den größten Erfolg der vergangenen 40 Jahre wegnehmen“, so ein Gewerkschafter. 1984 erkämpften die Metaller in sieben Wochen Streik die schrittweise Einführung der 35-Stunden-Woche, die Mitte der 1990er im Westen Realität wurde. Im Osten liegt die tarifliche Arbeitszeit meist noch bei 38 Stunden. Barbara Resch, Bezirksleiterin der IG Metall in Stuttgart, kritisiert die mangelnde Zusammenarbeit: „Ich verstehe nicht, warum Arbeitgeber und Gewerkschaften nicht stärker zusammenarbeiten. Es geht um politischen Schutz vor chinesischen Dumpingfahrzeugen und die großen Themen Produktivität, Massenfertigung und Innovation.“
Längere Arbeitszeiten schließt die IG Metall nicht grundsätzlich aus, diskutiert wird etwa über zwei Stunden mehr – die aber vorzugsweise für Qualifizierung in der Transformation genutzt werden sollten. Die tatsächliche Arbeitszeit in der Industrie liegt bereits heute näher bei 38 als bei 35 Stunden. Der Druck auf die Tarifparteien wächst, die Bandbreite zwischen Krisenbranchen wie der Autoindustrie und Boomunternehmen wie Siemens oder Rheinmetall mit einem flexiblen Tarifvertrag abzudecken.



