Im kleinen Lokal des Jänschwalder Konsums herrscht reges Treiben: Arbeiter, Rentner und eine junge Mutter mit Kind machen Mittagspause bei Hähnchencurry, Nudeln mit Wurstgulasch oder Lausitzer Klassikern wie Kartoffeln, Quark und Leinöl. Andere Dorfbewohner kaufen für das Wochenende ein, während die Postfrau Briefe und Pakete aus der Poststation abholt. Mittendrin steht Martin Grunewald, der 43-jährige Betreiber eines der wenigen noch existierenden Dorfkonsume in der Lausitz.
Vom Cateringleiter zum Dorfladenbesitzer
Grunewald war elf Jahre lang als Cateringleiter auf Öl- und Gasplattformen und Schiffen weltweit unterwegs – im Schichtsystem, oft wochenlang fern von der Familie. „Irgendwann habe ich mich entschieden: Wenn ich zurückkomme, dann mache ich mich selbstständig“, sagt er. Statt eines „großen Autos“ kaufte er den Jänschwalder Konsum und baute ihn vor drei Jahren bewusst als Mischkonzept aus Laden und Gastronomie neu auf.
Ein Konsum war bis zur Wende von 1989 Standard in vielen Dörfern. Heute muss man die kleinen Läden suchen. Die Nahversorgung in vielen Regionen ist ein Problem. Obwohl die Landesregierung keine aktuellen Zahlen zur Zahl der Dorfläden hat, betont Landwirtschaftsministerin Hanka Mittelstädt (SPD) deren Bedeutung, die über die Nahversorgung hinausgeht. „Sie sind soziale Treffpunkte der Dorfgemeinschaft. Sie sind Orte der Begegnung und des Austauschs. Dorfläden haben eine große Bedeutung für das soziale Zusammenleben“, erklärte sie.
Sortiment und Regionalität als Erfolgsfaktoren
Der Jänschwalder Konsum bietet das klassische Sortiment eines kleinen Supermarkts – von Fleisch- und Wursttheke über Obst und Gemüse bis hin zu kleinen Dingen wie Streichhölzern, Zahnbürsten und Schaschlikspießen. Zudem werden Post- und Paketdienste angeboten. Gleichzeitig spielt Regionalität eine große Rolle: „Wir haben sehr viele regionale Partner“, sagt Grunewald und nennt Fleischereien, Bauernhöfe, Eier- und Nudelproduzenten sowie einen Bäcker aus dem Nachbardorf. Außerdem werden Lausitz-Kalender und -Souvenirs verkauft.
Laut Wolfgang Gröll von der Bundesvereinigung der Bürger- und Dorfläden liegt darin eine zentrale Stärke solcher Läden: Sie setzen stärker als große Handelsketten auf Produkte kleiner regionaler Erzeuger und machen diese sichtbar. Viele Dorfläden erweiterten ihr Angebot um Café- oder Bistrobereiche, weil sich damit zusätzliche Umsätze erzielen ließen. „Der Laden würde ohne Gastronomie nicht mehr laufen“, sagt auch Inhaber Grunewald.
Gastronomie als Umsatztreiber
Grunewald betreibt in Cottbus zusätzlich den Imbiss „Suppenstübchen“ und beschäftigt 16 Angestellte. „Gekocht wird nur in Jänschwalde, das spart Kosten“, so Grunewald. Kunden wie Marielle Kunkel sind dankbar. „Es ist toll, dass er den Laden übernommen hat, es stand ja zur Debatte, dass der Konsum schließt“, sagt die 31-Jährige aus dem Nachbardorf Tauer. Der 90-jährige Rudolf Blumrich freut sich über das gute Essensangebot. Heute hat er die Soljanka gewählt und für den kommenden Tag ein Schnitzelgericht einpacken lassen. „Ich kenne den Laden noch, wie er einmal war und bin sehr zufrieden mit dem jetzigen Angebot“, sagt Blumrich.
„Vor wenigen Jahren sah es im Konsum noch aus wie in der DDR. Die Verkäuferinnen trugen noch die typischen Dederon-Schürzen“, erzählt Grunewald schmunzelnd. Er hat komplett renoviert und den Laden in Holzoptik gestaltet. Im Gastraum fühlt man sich angesichts der Deko aus Geweihen und Waldgemälden wie in einer Alm oder einer Waldhütte. „Ich heiße ja auch Grunewald“, sagt der Betreiber.
Nicht jedes Modell funktioniert
Das Modell Dorfladen funktioniert jedoch nicht überall. In Niederfinow wagten Ute Peters-Pasztor und ihr Mann Attila als Quereinsteiger 2015 das Experiment „Gesunder Konsum“. Angeboten wurden vornehmlich regionale sowie Bio-Produkte und gesunde Kost, aber auch ein Imbiss. Nach etwa eineinhalb Jahren gaben sie auf. „Wir hatten ein Rentabilitätsproblem“, sagt die ehemalige ehrenamtliche Bürgermeisterin. Auch die Akzeptanz der Zugezogenen im Ort sei begrenzt gewesen. „Solch ein Projekt funktioniert nur, wenn es auf einer ganz breiten Basis steht.“
Branchenexperte Gröll betont, dass für ein Scheitern nicht allein die Kunden verantwortlich gemacht werden könnten. Häufig würden wirtschaftliche Probleme zu einseitig der fehlenden Nachfrage zugeschrieben – dabei spielten auch Konzept, Sortiment und Führung eine zentrale Rolle. „Ich brauche ein vollständiges Sortiment – das wird meistens übersehen“, so Gröll. Dazu gehörten auch die sogenannten „Habe-ich-vergessen-Artikel“ wie Toilettenpapier, Küchenrolle oder Grundnahrungsmittel. „Und bei den wichtigsten Artikeln brauche ich ein Discountpreis-Niveau“, erklärt Gröll. Andernfalls drohe ein Imageproblem.
In Niederfinow blieb trotz des Scheiterns etwas zurück: Der Laden war ein Treffpunkt. Dort kamen Menschen zusammen, es gab Kulturveranstaltungen, Senioren feierten Geburtstage. „Es ist toll, dass wir es probiert haben und es ist eine schöne Lebenserfahrung“, meint Peters-Pasztor.
Rückgang der Dorfläden und Förderung durch das Land
Laut Gröll sank die Zahl kleiner Lebensmittelgeschäfte in Deutschland von 8.750 im Jahr 2016 auf rund 7.900 im Jahr 2024. Der Rückgang sei aber nicht nur auf wirtschaftliche Probleme zurückzuführen. Zum Teil finden Betreiber laut Gröll keinen Nachfolger, in anderen Fällen werden kleinere Läden durch größere Verkaufsflächen ersetzt.
Das Land Brandenburg fördert laut Mittelstädt Dorfläden und plant zudem gesetzliche Änderungen, um moderne, vollautomatisierte Verkaufsstellen zu ermöglichen. Damit reagiere die Landesregierung auch auf den zunehmenden Personalmangel im Einzelhandel und wolle die Nahversorgung in ländlichen Regionen langfristig sichern und stärken.
Für Gröll können Automaten die Nahversorgung ergänzen, den klassischen Dorfladen aber nicht ersetzen. Die persönliche Ansprache und die soziale Funktion seien nicht digitalisierbar. Im Jänschwalder Konsum zeigt sich genau das: Hier wird nicht nur eingekauft, sondern auch gegessen, geplaudert und Gemeinschaft gelebt.



