Die Deutsche Bahn (DB) vollzieht einen radikalen Kurswechsel. Statt ehrgeiziger Ziele wie der Verdopplung der Fahrgastzahlen setzt der Konzern nun auf Realismus und operative Exzellenz. „Wir konzentrieren uns radikal auf das, wofür wir da sind: auf Eisenbahn und das Reiseerlebnis der Kunden. Wir verabschieden uns von unerreichbaren Versprechen. Wir setzen auf realistische Ziele und Fakten“, erklärte Bahnchefin Evelyn Palla laut einer Mitteilung. Die neue Strategie wurde am Mittwoch im Aufsichtsrat der DB vorgestellt.
Weniger Pünktlichkeit, mehr Ehrlichkeit
Künftig stehen Verlässlichkeit, nachgewiesene betriebliche Qualität und wirtschaftliche Tragfähigkeit im Vordergrund. „Ziel ist, in den nächsten Jahren eine leistungsfähige Bahn aufzubauen“, hieß es. Die Pünktlichkeitsziele wurden deutlich nach unten korrigiert: Erst in den 2030er Jahren soll der Fernverkehr wieder eine Pünktlichkeit von 80 Prozent oder mehr erreichen. Die DB steckt seit Jahren in einer tiefen Krise – marode Infrastruktur und schlechte Pünktlichkeit haben Fahrgäste und Branche gleichermaßen verärgert. Dennoch steigen die Fahrgastzahlen, was zeigt, dass das Interesse an Bahnreisen groß ist.
Drei Phasen der Neuausrichtung
Palla hatte bereits kurz nach ihrem Amtsantritt einen tiefgreifenden Umbau angekündigt. Die Neuaufstellung erfolgt in drei Phasen: Die erste Phase im laufenden Jahr legt die Grundlage. Von 2027 bis 2030 steht die Sanierung des Schienennetzes im Fokus. In der dritten Phase bis 2035 sollen Fahrgäste deutliche Verbesserungen bei Qualität und Pünktlichkeit spüren; der „Sanierungsmarathon“ soll dann weitgehend abgeschlossen sein. „Die DB schafft mit Unterstützung von Politik und Branche eine Pünktlichkeit im Fernverkehr von 80 Prozent“, heißt es. 2035 wird zudem das 200-jährige Jubiläum der Eisenbahn in Deutschland gefeiert.
Stellenabbau und regionale Verantwortung
Die Zentrale und Führungsebenen werden radikal verschlankt. Anfang des Jahres war von einem Abbau von rund 30 Prozent der etwa 3500 Stellen in der Konzernleitung die Rede. Gleichzeitig erhalten regionale Manager mehr Verantwortung: Sie sind künftig für die Qualität des Verkehrs zuständig und müssen die Kennzahlen einhalten. Eine zentrale Steuerungseinheit bleibt bestehen, doch die regionalen Einheiten entscheiden selbst, wie sie die Ziele erreichen.
Finanzielle Ziele und neuer Finanzvorstand
Erstmals seit Jahren erwartet die DB im laufenden Jahr ein positives Ergebnis nach Steuern. „Die DB erwartet, dass sich das operative Ergebnis des Konzerns bis 2030 um über eine Milliarde Euro auf 1,7 Milliarden Euro verbessert“, teilte die Bahn mit. Zudem berief der Aufsichtsrat Michael Obrowski zum neuen Finanzvorstand ab 1. September. Der 57-Jährige war zuvor Finanzvorstand bei Volkswagen Nutzfahrzeuge und leitete davor fünf Jahre das Konzern-Controlling der Volkswagen AG. Die Stelle war im März durch den überraschenden Abgang von Karin Dohm freigeworden, die nach nur knapp vier Monaten den Konzern verließ. Laut der „Süddeutschen Zeitung“ soll Dohm in ihrer kurzen Amtszeit zahlreiche Menschen gegen sich aufgebracht haben, darunter Politiker und Arbeitnehmervertreter. Die DB betonte, die Trennung sei einvernehmlich erfolgt.



