Es war eine der spektakulärsten Unternehmensübernahmen der deutschen Wirtschaftsgeschichte: Vor zehn Jahren, im Jahr 2016, übernahm der chinesische Hausgerätehersteller Midea den Augsburger Roboterbauer Kuka. Die damaligen Warnungen vor einem Ausverkauf deutscher Schlüsseltechnologien und düsteren Prognosen haben sich jedoch nicht bewahrheitet – zumindest nicht in der befürchteten Radikalität.
Kuka-Übernahme: Von der Hysterie zur Normalität
Kuka galt als Vorzeigeunternehmen der deutschen Hightech-Industrie. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ließ sich auf der Hannover Messe gemeinsam mit US-Präsident Barack Obama die Roboter aus Schwaben vorführen. Umso größer war die Aufregung, als 2016 bekannt wurde, dass Midea den bayerischen Traditionskonzern übernehmen wollte. Die Tatsache, dass kein europäischer Investor ein Gegenangebot vorlegte, befeuerte die Kritik. Am Ende hielt Midea nach der regulären Angebotsfrist 86 Prozent der Anteile, nach einer Nachfrist Anfang August 2016 sogar knapp 95 Prozent.
Der damalige Kuka-Chef Till Reuter, der das Unternehmen zuvor aus den roten Zahlen geführt hatte, prognostizierte starkes Wachstum. Diese Prognose erfüllte sich nicht vollständig: Im Übernahmejahr 2016 erzielte Kuka einen Umsatz von knapp 3 Milliarden Euro und einen Auftragseingang von 3,4 Milliarden Euro. Zehn Jahre später, 2025, lag der Umsatz bei 3,9 Milliarden Euro, der Auftragseingang bei 4,2 Milliarden Euro. Die Mitarbeiterzahl stieg im selben Zeitraum von rund 13.200 auf 14.500.
Standort Augsburg: Stellenabbau, aber keine Zerschlagung
Am Stammsitz in Augsburg, wo etwa ein Fünftel der Belegschaft beschäftigt ist, waren zuletzt jedoch auch Stellenstreichungen Thema. Rund 500 Vollzeitstellen sollen abgebaut werden, betriebsbedingte Kündigungen sind aber ausgeschlossen. Matti Riedlinger, IG-Metall-Geschäftsführer in Augsburg und Kuka-Aufsichtsratsmitglied, betont: „Die befürchtete Zerschlagung von Kuka oder eine Verlagerung des gesamten Unternehmens nach China ist in den letzten zehn Jahren nicht eingetreten.“ Als Gegenleistung für Gehaltseinbußen hätten Gewerkschaft und Betriebsrat eine Beschäftigungssicherung bis 2029 sowie Investitionen von mehr als 100 Millionen Euro durchgesetzt. „So gibt es nun eine belastbare Perspektive für den Hauptsitz in Augsburg“, so Riedlinger.
China als Absatzmarkt und Eigentümer: Eine differenzierte Bilanz
Tanja Gabler vom bayerischen Wirtschaftsministerium fasst die Erfahrungen mit dem chinesischen Eigentümer positiv zusammen: „Auch in herausfordernden Zeiten ist Midea als seriöser und zuverlässiger Eigentümer von Kuka aufgetreten.“ Dennoch warnt Riedlinger davor, die strategische Bedeutung deutscher Schlüsseltechnologien aus den Augen zu verlieren. Das Beispiel zeige, wie wichtig es sei, „die industriellen Schlüsseltechnologien Deutschlands und Europas strategisch abzusichern“.
Der heutige Kuka-Vorstandschef Christoph Schell sieht die Entwicklung des vergangenen Jahrzehnts durchweg positiv. Das Unternehmen habe sich von einem klassischen Anlagen- und Maschinenbauer zu einem umfassenden Automatisierungsanbieter entwickelt. „Kuka ist heute erfolgreich breit aufgestellt mit je einem Drittel Geschäft in Europa, Amerika und Asien“, sagt Schell. In China, dem größten Robotermarkt der Welt, zähle Kuka bei der Robotik zu den drei wichtigsten Anbietern.
Neue Geschäftsfelder: Vom Schwerlastroboter zum Pflegeroboter
Schell verweist darauf, dass sich der Markt seit der Midea-Übernahme stark verändert habe. Während in Asien die Nachfrage wachse, trete Europa auf der Stelle. Besonders die Krise der Automobilindustrie, historisch Kukas wichtigster Abnehmer, setze dem Unternehmen zu. Gleichzeitig eröffneten sich neue Einsatzgebiete: Roboter seien heute in OP-Sälen, bei der Lebensmittelverarbeitung oder sogar bei Filmdrehs im Einsatz. Kuka selbst wachse stark bei der Automatisierung von Logistiklagern oder Klinikapotheken. Künftig seien auch Anwendungen im privaten Bereich denkbar, etwa als Pflegeroboter. „Da sind wir in viele Richtungen offen“, sagt Schell.



