Die rasante Verbreitung künstlicher Intelligenz (KI) stellt die Notenbanken vor ein neues Dilemma: Die Technologie könnte die Inflation sowohl anheizen als auch bremsen. In einer Kolumne für den Spiegel analysiert Henrik Müller die widersprüchlichen Effekte des KI-Booms auf die Geldpolitik.
KI als Inflationstreiber
Einerseits könnte KI die Nachfrage nach Rechenleistung, Energie und Fachkräften massiv steigern, was Preise in die Höhe treibt. Unternehmen investieren Milliarden in KI-Infrastruktur, was zu Engpässen bei Chips und Strom führen kann. Zudem steigen die Gehälter für KI-Spezialisten, was sich auf die gesamte Lohnentwicklung auswirken könnte.
KI als Inflationsbremse
Andererseits kann KI die Produktivität enorm steigern, was kostendämpfend wirkt. Automatisierung und Optimierung von Prozessen senken die Produktionskosten. Wenn die Effizienzgewinne an die Verbraucher weitergegeben werden, könnte dies die Inflation bremsen. Henrik Müller schreibt: „Die Kollision der beiden Megacycles findet in Zeitlupe statt.“
Notenbanken in der Zwickmühle
Für die Europäische Zentralbank (EZB) unter Christine Lagarde wird die Lage dadurch unübersichtlich. Die Zinsentscheidungen hängen stark davon ab, ob der KI-Effekt eher nachfrage- oder angebotsseitig wirkt. Bislang gibt es keine eindeutigen Daten, die eine Richtung belegen. Die Notenbanken müssen daher vorsichtig agieren, um Fehlentscheidungen zu vermeiden.
Ausblick
Die Unsicherheit bleibt groß. Experten erwarten, dass sich die Effekte erst in den kommenden Jahren konkretisieren werden. Bis dahin müssen die Währungshüter mit einer erhöhten Volatilität der Inflationsraten rechnen. Für Anleger und Verbraucher bedeutet dies: Planungssicherheit ist vorerst nicht in Sicht.



