Die anhaltende Hitze und Trockenheit in Deutschland hat den Rhein auf einen historisch niedrigen Pegelstand sinken lassen. Die Schifffahrt auf dem Fluss kommt vielerorts zum Erliegen. Die Lieferketten, die auf den Transport per Binnenschiff angewiesen sind, sind nicht mehr gewährleistet. Die Folgen für die deutsche Wirtschaft könnten erheblich sein – insbesondere für das ohnehin nur schwache Wirtschaftswachstum.
„Das kann das Wirtschaftswachstum ersticken“
Dr. Thilo Schäfer vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) sieht in der aktuellen Lage eine ernste Bedrohung für die Konjunktur. „Das kann das Wirtschaftswachstum ersticken“, sagte er im Gespräch mit Thomas Kausch. Die Prognose des Ökonomen ist düster: Die andauernde Niedrigwasserphase treffe die Industrie in einem Moment, in dem die Wirtschaft ohnehin kaum wachse.
Besonders betroffen sind Unternehmen, die auf die Binnenschifffahrt angewiesen sind. Kohlekraftwerke, Chemieparks und Stahlwerke entlang des Rheins erhalten ihre Rohstoffe häufig über den Wasserweg. Wenn die Schiffe nicht mehr fahren können, müssen Produktionsprozesse gedrosselt oder sogar gestoppt werden. Auch die Mineralölindustrie leidet: Tanklager am Rhein werden in der Regel per Tanker beliefert – fällt dieser Weg aus, wird das Nachfüllen schwierig.
Der Rhein als Lebensader der deutschen Wirtschaft
Der Rhein ist mit einer Länge von rund 1.230 Kilometern eine der wichtigsten Wasserstraßen Europas. Er verbindet die Nordsee mit dem Binnenland und ist für den Gütertransport unverzichtbar. Jährlich werden Millionen Tonnen Fracht auf dem Fluss befördert – von Rohstoffen über chemische Produkte bis hin zu Containern. Die Wasserstraße ist eine der meistbefahrenen der Welt.
Doch genau diese Lebensader ist in diesem Sommer von extremer Trockenheit betroffen. Die anhaltende Hitze hat die Pegelstände auf Werte fallen lassen, die in dieser Form nur selten gemessen wurden. An vielen Messstationen wird bereits die kritische Marke unterschritten. Besonders prekär ist die Lage in den engen Flussabschnitten, wo die Fahrrinne ohnehin schmal ist. Hier muss die Schifffahrt bereits mit reduzierter Ladung fahren, um eine Grundberührung zu vermeiden.
Lieferketten in Gefahr
Die Folgen für die Lieferketten sind vielfältig: Werden Güter nicht per Schiff geliefert, müssen sie auf Lkw oder die Bahn umgeladen werden. Doch beide Verkehrsträger sind bereits stark ausgelastet. Zudem verteuert sich der Transport, weil längere Wege und Wartezeiten entstehen. Diese Mehrkosten geben viele Unternehmen über die Preise an ihre Kunden weiter – was die Inflation weiter anheizen könnte.
Insbesondere die Energieversorgung ist gefährdet. Viele Kraftwerke, die am Rhein liegen, werden über den Wasserweg mit Kohle oder Öl versorgt. Fällt dieser Transportweg aus, drohen Engpässe bei der Stromerzeugung. Auch Tankstellen könnten betroffen sein, wenn Benzin und Diesel nicht mehr rechtzeitig geliefert werden. Im schlimmsten Fall müssten Kraftwerke ihre Leistung reduzieren, was die Strompreise an der Börse nach oben treiben würde.
Schon 2018 sorgte Niedrigwasser für Probleme
Bereits im Jahr 2018 hatte eine langanhaltende Dürre den Rhein auf Rekordtief sinken lassen. Die Schifffahrt war zeitweise fast vollständig eingestellt worden. Die Wirtschaft erlitt damals Schäden in Milliardenhöhe. Schäfer warnt, dass sich die Situation nun wiederholen könnte – mit noch gravierenderen Folgen, weil die Wirtschaft heute stärker von Just-in-Time-Lieferungen abhängig ist. Die Lagerhaltung ist seit Jahren auf ein Minimum reduziert, sodass bereits kurze Lieferunterbrechungen große Wirkung entfalten.
Die Bundesregierung hat die Lage im Blick, doch konkrete Maßnahmen sind bislang nicht bekannt. Die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes versucht, mit Baggermaßnahmen die Fahrrinne zu vertiefen, doch bei anhaltender Trockenheit sind die Möglichkeiten begrenzt. Auch das Ausweichen auf kleinere Schiffe mit geringerem Tiefgang ist nur begrenzt möglich, da die Kapazitäten der Flotte nicht unbegrenzt sind.
Ausblick: Bleibt es heiß, wird es kritisch
Die Wetterprognosen kündigen für die kommenden Tage weiterhin hohe Temperaturen an. Regen ist nicht in Sicht. Damit dürften die Pegelstände weiter sinken. Für die deutschen Unternehmen bedeutet das: Sie müssen sich auf eine längere Phase der Beeinträchtigung einstellen. Die Logistikbranche rechnet damit, dass die Beeinträchtigungen noch mehrere Wochen andauern könnten.
Schäfer fordert deshalb eine grundlegende Debatte über die Anfälligkeit der Lieferketten. Neben der Wetterlage müssten auch die Rahmenbedingungen für die Binnenschifffahrt verbessert werden. Dazu gehörten modernere Schiffe mit geringerem Tiefgang sowie der Ausbau der Wasserstraßeninfrastruktur. Kritiker sehen jedoch auch die Versäumnisse der Vergangenheit: Der Rhein und andere Flüsse wurden jahrzehntelang nicht ausreichend gepflegt.
Bis dahin bleibt die Sorge groß, dass das kleine Wirtschaftswachstum, das sich zuletzt mühsam angedeutet hat, durch den Niedrigwasser-Effekt zunichte gemacht wird. Die Prognose von Dr. Thilo Schäfer ist eindeutig: „Das kann das Wirtschaftswachstum ersticken.“ Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die Vorhersage des Ökonomen eintrifft oder ob Regenfälle die Situation noch entschärfen.



