Skandal bei Air Canada: Pilot ohne gültige Lizenz 16 Jahre im Dienst
Toronto (Kanada) – Die kanadische Fluggesellschaft Air Canada wird von einem schwerwiegenden Pilotenskandal erschüttert. Wie die Polizei mitteilte, wurde der ehemalige Pilot Geoffrey Wall (59) angeklagt, weil er 16 Jahre lang ohne die erforderliche Lizenz Zehntausende von Passagieren als Flugkapitän befördert haben soll. Zwischen 2009 und 2025 soll Wall mehr als 900 In- und Auslandsflüge absolviert haben, ohne jemals die notwendige Verkehrspilotenlizenz für Linienflugmaschinen (ATPL-A) erworben oder die vorgeschriebenen Prüfungen abgelegt zu haben.
Festnahme und Anklage
Der 59-Jährige wurde am 1. Juni festgenommen und muss sich nun wegen Betrugs und Urkundenfälschung vor Gericht verantworten. Ein erster Gerichtstermin ist für den 29. Juni angesetzt. Die Polizei betonte, dass Wall zwar während seiner gesamten 27-jährigen Karriere bei Air Canada eine gültige Berufspilotenlizenz (Commercial Pilot License) besaß, jedoch nie die für einen Kapitän erforderliche ATPL-A-Lizenz vorweisen konnte.
Vergleich mit einem Arzt
Nick Milinovich, stellvertretender Polizeichef der Peel Regional Police in Ontario, zog einen drastischen Vergleich: „Das ist vergleichbar mit einem Arzt, der zwar eine Zulassung als Hausarzt hat, aber in seiner Praxis Gehirnoperationen durchführt.“ Dieser Vergleich verdeutlicht die Schwere des Verstoßes, denn Wall steuerte als Kapitän unter anderem Flugzeuge der Typen Boeing 767, 777 und 787 – Maschinen, die für Langstreckenflüge eingesetzt werden und hohe Anforderungen an die Pilotenqualifikation stellen.
Unklare Hintergründe
Wie es Wall möglich war, trotz fehlender Lizenz jahrelang als Kapitän zu fliegen, ist noch unklar. Die Polizei geht derzeit davon aus, dass der Beschuldigte sowohl seinem Arbeitgeber als auch der Luftfahrtaufsichtsbehörde falsche Angaben zu seinen Qualifikationen gemacht hat. Die Airline selbst erklärte, dass Walls Betrug erst bei einer routinemäßigen Überprüfung im Jahr 2025 aufflog, als „Unstimmigkeiten in den Unterlagen zur Pilotenlizenz“ entdeckt wurden. Daraufhin wurde der 59-Jährige umgehend vom aktiven Flugdienst abgezogen und schied bereits im vergangenen Jahr bei Air Canada aus.
Sicherheitsbedenken
Der Fall wirft ernste Fragen zur Sicherheit und Überwachung von Pilotenqualifikationen auf. Obwohl Wall über eine Berufspilotenlizenz verfügte, fehlte ihm die spezifische Verkehrspilotenlizenz, die für die Führung von Linienflugzeugen mit mehr als 20 Sitzplätzen vorgeschrieben ist. Experten betonen, dass die ATPL-A umfangreichere theoretische Kenntnisse und praktische Erfahrungen erfordert. Trotz dieser fehlenden Qualifikation absolvierte Wall Hunderte von Flügen, darunter auch internationale Langstrecken, ohne dass seine mangelnde Lizenzierung auffiel.
Die kanadische Luftfahrtbehörde Transport Canada hat angekündigt, die Überprüfungsverfahren für Pilotenlizenzen zu verschärfen. Air Canada selbst betonte, dass man mit den Behörden zusammenarbeite, um sicherzustellen, dass ein derartiger Vorfall sich nicht wiederhole. Der Fall sorgt international für Aufsehen und wirft ein Schlaglicht auf mögliche Lücken im System der Pilotenlizenzierung.



