Jupiter-CEO: „Der Markt ist hart umkämpft, ich würde sogar sagen überversorgt“
Der Chef des britischen Fondsanbieters Jupiter erwartet, dass globale Investoren das US-Gewicht in ihren Portfolios langsam senken. Europa wird davon möglicherweise nicht profitieren.
Frankfurt. Matthew Beesley, Chef des britischen Vermögensverwalters Jupiter Asset Management, beobachtet, dass internationale Investoren Geld aus dem US-Aktienmarkt abziehen und in andere Weltregionen lenken. Im Handelsblatt-Interview spricht er darüber, wohin das globale Kapital fließen könnte – und warum aktive Fondsmanager profitieren dürften.
Interview mit Matthew Beesley
Herr Beesley, Jupiter setzt ausschließlich auf aktives Fondsmanagement. Wie behaupten Sie sich gegen die großen Vermögensverwalter mit ihren breiten Vertriebsnetzen?
Der Markt ist hart umkämpft, ich würde sogar sagen überversorgt. Die letzten zehn bis 15 Jahre waren kein gutes Umfeld für aktives Fondsmanagement. Nach der Finanzkrise führte die quantitative Lockerung zu einer recht wahllosen Vermögenspreisinflation – die Flut hob alle Boote. Nun haben sich zwei Dinge geändert: Erstens ist der Preisabstand zwischen aktiv und passiv kleiner geworden. Zweitens ist das Umfeld zuletzt sehr förderlich für aktives Management geworden.
Woran machen Sie das fest?
Die Schwankungen nehmen zu und, eng damit verbunden, die Streuung der Aktienkurse innerhalb einzelner Sektoren. Zwischen der Performance der besten und der schlechtesten Tech-Aktie in den USA klafft in diesem Jahr eine riesige Lücke. Zudem haben sich die Korrelationen zwischen den Anlageklassen normalisiert. Nach der Finanzkrise haben sich Anleihen und Aktien ungewöhnlich stark gleichförmig entwickelt. Heute hängen Aktien, Anleihen, Immobilien und Rohstoffe wieder weit weniger zusammen.
Wo sehen Sie aktuell Chancen?
Ich finde es schwer zu argumentieren, dass US-Aktien heute günstig sind – sie liegen im 90. Perzentil ihrer Bewertungshistorie der letzten 50 Jahre. Sie waren also nur in zehn Prozent der Fälle höher bewertet. Europäische Aktien handeln dagegen rund um ihren historischen Mittelwert. Für einen globalen, aktiven Fondsmanager könnte es sich auszahlen, relativ teure US-Aktien unterzugewichten und stattdessen nach Europa umzuschichten.
In der Vergangenheit hätte man damit viel Rendite liegen gelassen.
Wir könnten am Beginn eines mehrere Jahrzehnte währenden Trends stehen: weg von US-Wertpapieren, hin zu Investments außerhalb der USA. Die Welt hat über Jahrzehnte das Engagement in den USA erhöht. Das war zu 100 Prozent der richtige Trade. Ich bin jedoch überzeugt, das kehrt sich nun um.
Matthew Beesley
Der Manager Matthew Beesley ist seit knapp vier Jahren Chef von Jupiter Asset Management. Zuvor war er Chefanlagestratege des Vermögensverwalters. Er begann seine Karriere als Portfoliomanager für Aktien und verantwortete später unter anderem bei den Vermögensverwaltern Janus Henderson und GAM die Anlagestrategie für globale Aktien.
Das Unternehmen
Der 1985 gegründete Vermögensverwalter hat sich auf aktives Fondsmanagement spezialisiert. Zwischen 1995 und 2007 war die Commerzbank mehrheitlich an dem Unternehmen beteiligt. Heute ist Jupiter Asset Management börsennotiert und verwaltet rund 68,5 Milliarden Pfund (rund 80 Milliarden Euro) für Investoren.
Was macht Sie da so sicher?
Viele Investoren sind in US-Aktien übergewichtet. Hinzu kommen die Sorgen um die US-Wirtschaft, die Handelspolitik und die Unberechenbarkeit der aktuellen Regierung. Investoren, die stark in teuren Anlageklassen investiert sind, beginnen logischerweise umzuschichten. Genau das sehen wir in Gesprächen mit Investoren und auch in ersten Anlageentscheidungen.
Was sind die Alternativen?
Geografisch nehmen die Investoren Europa, Asien und die Schwellenländer stärker in den Blick – und bei Schwellenländern wächst die Nachfrage an regionalen oder länderspezifischen Lösungen, zum Beispiel Fonds für indische Aktien.
Erwarten Sie plötzliche Bewegungen oder einen graduellen Wandel?
Eher ein graduelles Umschichten. Es hat viele Jahre gedauert, das große US-Gewicht in globalen Portfolios aufzubauen, und es wird Jahre dauern, das zu reduzieren. Institutionelle Kunden haben lange Anlagezyklen – im Schnitt etwa sieben Jahre –, Privatkunden eher zwei bis drei. Die Umschichtung wird also einige Zeit brauchen.
Bremst der Nahostkonflikt diesen Trend? Die USA sind wirtschaftlich weniger stark betroffen, der US-Aktienmarkt hat stärker abgeschnitten als der europäische Aktienmarkt.
Im Januar hätte ich klar gesagt: Kunden bevorzugen Europa gegenüber den USA. Nach den Ereignissen im Iran gibt es kurzfristig Fragezeichen. Die deutlich gestiegenen Energiepreise sind ein großer Belastungsfaktor für die europäischen Volkswirtschaften. In den letzten Monaten beobachten wir daher Kunden, die zwar weiterhin wegen der US-Bewertungen nervös sind, sich aber eher Asien und Schwellenländern als Europa zuwenden. Ob wir zur Januar-Stimmung mit Vorrang für europäische Aktien zurückkehren, bei Asien und Schwellenländern bleiben oder eine Mischung sehen, ist noch offen.
Woran würden Sie ablesen, dass die Abkehr von US-Aktien tatsächlich einsetzt – am Dollar, an sinkenden Bewertungen oder an Mittelabflüssen aus US-Fonds?
An all dem – aber die Ereignisse der letzten zwei Monate haben uns gebremst. Der Dollar-Index ist im Jahresverlauf grob unverändert. Das Gewinnwachstum im ersten Quartal 2026 war in den USA enorm stark. Die „Magnificent Seven“, also die sieben großen Tech-Konzerne, waren deutlich stärker als die übrigen 493 Unternehmen. Ich erwarte Bewegung, etwa beim Dollar oder bei Mittelabflüssen aus den USA – sie hat nur noch nicht eingesetzt.
Der bei passiven Investoren beliebte MSCI World ist zuletzt hinter vielen konzentrierteren Strategien zurückgeblieben. Verblasst der Hype um den MSCI World?
Beim MSCI World – und vor allem beim Schwellenländerindex – ist China dominant. Neben den US-Sorgen gibt es klare Bedenken der Investoren gegenüber China. Viele, die vor fünf Jahren einen Schwellenländerfonds gekauft hätten, bauen heute lieber eigene Portfolios aus indischen, koreanischen oder lateinamerikanischen Aktien – auch das ist Teil der Deglobalisierung.
Selbst wenn der MSCI schwächelt, geht von Indexprodukten ein Druck auf die Margen für aktive Manager aus. Wie gehen Sie damit um?
Der Markt funktioniert nach einer simplen Ökonomie: Bei Überangebot muss man attraktive Preise festlegen. Wer am besten abschneidet und differenziert ist, kann zwar einen gewissen Preis durchsetzen. Doch der deflationäre Druck bleibt eine ständige Herausforderung. Wir glauben aber, dem gewachsen zu sein.
Ist Jupiter mit knapp 70 Milliarden Pfund verwaltetem Vermögen nicht zu klein, um im Wettbewerb zu bestehen?
Einer der größten Irrtümer der Branche ist die Annahme, dass kritische Größe erst bei einem verwalteten Vermögen von einer Billion US-Dollar erreicht wird. Entscheidend ist in Wirklichkeit das Verhältnis von Erträgen und Kosten. Es gibt Unternehmen, die mit deutlich weniger Assets erfolgreich wirtschaften, während andere selbst mit einer Billion US-Dollar an verwaltetem Vermögen keine ausreichenden Skaleneffekte erzielen. Einige Anbieter sind deshalb zu dem Schluss gekommen, dass ihre Geschäftsmodelle trotz größerer Vermögen als unseres zu komplex und kostenintensiv sind, um die notwendige Größe zu erreichen. Entsprechend haben sie sich nach strategischen Partnern umgesehen.
Das britische Traditionshaus Schroders wurde Anfang des Jahres von Nuveen übernommen. Wie verhindern Sie, dass Jupiter zum Übernahmeziel wird?
Als Chef einer börsennotierten Gesellschaft kann ich nicht beeinflussen, ob ein Konkurrent eine Übernahmeprämie auf den Aktienkurs bietet – und ob die Aktionäre dies annehmen. Wir konzentrieren uns auf das, was wir kontrollieren können: Jupiter als unabhängiges Unternehmen weiter wachsen zu lassen.
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