Lufthansa nach Streiks: Gewerkschaften in der Defensive
Lufthansa nach Streiks: Gewerkschaften in der Defensive

Lufthansa nach verlorenen Streiks: Gewerkschaften unter Druck

Rund 200 Millionen Euro haben die Ausstände der Piloten und Flugbegleiter im Frühjahr die Lufthansa gekostet. Doch diesen Schaden nimmt der Konzern bewusst in Kauf, um einen Kurswechsel durchzusetzen. Unter dem Motto „Moderation“ treffen sich Vertreter der Lufthansa und der Gewerkschaft Ufo Ende Juni zu einem dreitägigen Beziehungsgespräch. Ziel ist es, die Zusammenarbeit in der Sozialpartnerschaft neu zu definieren, wie die Lufthansa mitteilt. Für die Unabhängige Flugbegleiterorganisation Ufo, die einen Großteil des Kabinenpersonals vertritt, ist dies nach dem verlorenen Arbeitskampf im Frühjahr das Maximum.

Streiks mit negativen Folgen für die Gewerkschaften

Gemeinsam mit der Pilotenvereinigung Cockpit (VC) bestreikte Ufo insgesamt sieben Tage lang verschiedene Gesellschaften des Konzerns, darunter auch die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag der Lufthansa, an denen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) teilnahm. Die Störung der Jubiläumsfeier kam im Management schlecht an. Ufo versuchte unter anderem, eine Perspektive für ihre Mitglieder in der Kurzstrecken-Gesellschaft Lufthansa City Line zu erzwingen. Doch der Schuss ging nach hinten los: Lufthansa nutzte die schwierige Situation im Flugverkehr nach dem Angriff auf den Iran und stellte City Line vom Markt. Die Streiks im März und April haben der Lufthansa somit sowohl geschadet als auch genützt.

City Line wird stillgelegt

Das Ende der Regionaltochter war zwar bereits früher beschlossen worden, die Umsetzung stand jedoch erst für 2027 an. City Line, ausgestattet mit gut bezahltem Personal, flog in alten Spritfressern zu hohen Kosten auf der Kurz- und Mittelstrecke. Die neu gegründete und günstigere City Airlines soll die Rolle als Zubringer-Airline übernehmen. Ursprünglich hatte die Lufthansa den Gewerkschaften die Übernahme des City-Line-Personals durch die Kerngesellschaft in Aussicht gestellt. Nach den Streiks und der Stilllegung ist davon nicht mehr die Rede. 1300 City-Line-Beschäftigte, davon 800 in der Kabine und 500 im Cockpit, sitzen seit Wochen zu Hause und denken über ihre Zukunft nach. Für eine gewisse Zeit ist das möglich, da das Grundgehalt weitergezahlt wird. Derzeit konzentriere man sich auf die „Durchführung eines Interessenausgleichs und Sozialplans im Rahmen einer Einigungsstelle“, teilt die Lufthansa mit. Ein Interessenausgleich und Sozialplan werden mit Betriebsräten verhandelt, während für Arbeitsbedingungen wie Gehälter, Zuschläge sowie Einsatz- und Ruhezeiten die Gewerkschaften zuständig sind. Neben Ufo und VC, die in der Kerngesellschaft Lufthansa Classic Tarifverträge verhandeln, ist in der Lufthansa-Gruppe auch Verdi aktiv.

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Verdi verdrängt Ufo und VC

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi organisiert das Bodenpersonal und die Technik, aber auch Lufthansa City Airlines, die von München aus europaweit und als Zubringer für die Lufthansa-Langstrecke agiert, sowie Discover (Urlaubsreisen) und Eurowings für den Europaverkehr. Die Konzernführung hat in den vergangenen Jahren vorzugsweise mit Verdi Tarifverträge abgeschlossen und der Dienstleistungsgewerkschaft, die lange Zeit beim fliegenden Personal gegen die Berufsgewerkschaften Ufo und VC keine Chance hatte, zu einer stärkeren Position verholfen. Verdi-Mitglieder bekommen mehr freie Tage als andere Beschäftigte. Parallel zur Privilegierung von Verdi agiert der Konzern zunehmend robuster gegenüber Ufo und VC. Dafür erhält er Rückendeckung vom Großaktionär Klaus-Michael Kühne, dem knapp 20 Prozent der Lufthansa AG gehören. Dem Vernehmen nach hat sich das Management in diesem Frühjahr rückversichert: Kühne, der betriebliche Konflikte eigentlich zu vermeiden sucht, soll dem harten Kurs zugestimmt haben.

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Machtverlust von Ufo und VC

Die Macht von VC und Ufo beschränkt sich inzwischen auf die Kerngesellschaft mit mehr als 20.000 Beschäftigten. Um die Gestaltung der Arbeitsbedingungen in dieser Lufthansa Classic drehen sich nun Sondierungsgespräche und die Moderation. Die Lufthansa betont, dass die Vergütungs- und Beschäftigungsbedingungen im Cockpit und der Kabine im Vergleich zu den Wettbewerbern sehr gut seien. Tarifliche Themen stünden im Dialog mit Ufo und VC aktuell nicht im Vordergrund, doch sie liegen auf dem Tisch. Ziel der Gespräche sei eine „nachhaltige Befriedung“ auch bei den „drängenden Zukunftsfragen für Lufthansa Classic“. Mit „Zukunftsfragen“ meint das Management neben den Personalkosten die Einsatzzeiten der Crews. Im Vergleich zu den Wettbewerbern arbeiteten die Lufthansa-Beschäftigten zu „sehr guten Vergütungs- und Beschäftigungsbedingungen“. Für die Sicherheit der Arbeitsplätze sei es notwendig, die Produktivität zu stärken und dem Trend steigender Stückkosten entgegenzuwirken. Dazu wolle man mit Ufo und VC die Arbeitsbedingungen gemeinsam gestalten.

Dialog oder Diktat?

Ein Ufo-Funktionär meint: „Die wollen uns erpressen.“ Bevor die City-Line-Beschäftigten von der Lufthansa-Kerngesellschaft übernommen würden, sollten die Bedingungen auf das Niveau der Wettbewerber sinken. Mithilfe von Verdi ist das beim Ferienflieger Discover und bei der neuen City Airlines gelungen. Tarifverträge regeln dort einheitliche Einsatzbedingungen für Cockpit- und Kabinenmitarbeiter, was der Lufthansa zufolge „erhebliche Produktivitätssteigerungen“ bringt. Nach den Streiks im Frühjahr bemühte sich VC um eine Schlichtung unter der Leitung eines neutralen Vermittlers, da Verhandlungen zu nichts geführt hatten. Doch das Management lehnte ab und bestand auf „Sondierungsgesprächen“. Wohin diese führen, ist für das Management eindeutig: Wenn Ufo und VC im Spiel bleiben wollen, müssen sie sich bewegen, da die derzeit geltenden Bedingungen „weitere Gestaltungsspielräume einschränken“.

Günstige Gelegenheit für die Lufthansa

Die Gelegenheit, Ufo und VC Zugeständnisse abzuringen, ist so günstig wie nie: Die Luftverkehrskrise ermöglicht harte Schnitte ohne größere Proteste, und Krise sowie Einflusseinbuße erschweren VC und Ufo die Mobilisierung ihrer Mitglieder für Streiks. 300 der 1200 City-Liner befinden sich nach Konzernangaben bereits in Altersteilzeit. Der Strategiewechsel zu größeren Flugzeugen und längeren Strecken lässt die Organisationsbasis von Ufo und VC schrumpfen. Die Tarifexperten der Lufthansa haben zudem viel Erfahrung bei der Überführung oder Abwicklung von Konzerngesellschaften, inklusive des Ausspielens der Gewerkschaften. Schließlich kann die Lufthansa mit dem „Faustpfand“ City Line beziehungsweise der Weiterbeschäftigung von knapp 1000 Flugbegleiterinnen und Piloten agieren. Piloten bewerben sich bereits bei anderen Airlines, obwohl sie mit gut zwei Jahren einen deutlich längeren Kündigungsschutz haben als die Flugbegleiter. „Hierbei ist unter anderem das Interesse an der Sicherung eines frühen Eintrittsdatums in eine neue Gesellschaft ausschlaggebend, das für die weitere Karriereentwicklung von hoher Bedeutung ist“, erläutert die Lufthansa. Anders gesagt: Offiziere werden schneller Kapitäne, wenn sie etwa zu Discover oder City Airlines wechseln. Allerdings ist das nicht immer einfach, da City Line vor allem kleine Maschinen eingesetzt hat. Rund 60 Prozent der Kolleginnen und Kollegen würden ein sogenanntes Type Rating für ein anderes Muster benötigen, teilt die Lufthansa mit. Um den A320 fliegen zu können, der in Europa vorrangig eingesetzt wird, müssen die Piloten nachgeschult werden. Nach Einschätzung von VC ist das aufgrund des Pilotenmangels in Europa kein Problem. Weitaus schwieriger ist die Situation der City-Line-Flugbegleiter: Ihre Kündigungsfrist ist kürzer und der Arbeitsmarkt enger. Mit der Eskalation der Streiks im Frühjahr haben sich die Ufo-Strategen offenbar verzockt.