Die R+V Versicherung wird ihre Tochtergesellschaft Condor Leben doch nicht verkaufen. Wie ein Sprecher des Genossenschaftskonzerns am Freitag in Herrenberg bestätigte, sind die Verhandlungen mit der Investmentgesellschaft Acathia Capital über eine Veräußerung ergebnislos beendet worden. Stattdessen will die R+V die Lebensversicherung mit rund 219.000 Verträgen intern weiterführen. Damit endet ein Prozess, der im Frühjahr mit einer Absichtserklärung begonnen hatte.
Bereits im März hatten R+V und Acathia Capital eine Absichtserklärung unterzeichnet, über die das Handelsblatt exklusiv berichtet hatte. Ein Abschluss wurde ursprünglich für das zweite oder dritte Quartal dieses Jahres anvisiert. Die Investmentgesellschaft aus Frankfurt sollte den Bestand übernehmen, um ihn gewinnbringend abzuwickeln oder weiterzuverkaufen. Solche Transaktionen sind in der Versicherungsbranche nicht ungewöhnlich, da viele Konzerne ihre IT-Altlasten loswerden wollen. Der Markt für sogenannte Run-off-Lösungen wächst seit Jahren.
Kein alternativer Käufer gesucht
Nun folgt die Kehrtwende. „Nach Abwägung aller Optionen hat sich die R+V entschieden, dass ein Verbleib in der R+V-Gruppe die sinnvollste Lösung ist“, sagte der Sprecher und bestätigte damit einen Bericht des Versicherungsmonitors. Einen alternativen Käufer werde man nicht suchen. Man wolle die etwa 219.000 Lebensversicherungsverträge von Condor in der Gruppe weiterführen.
Zur Frage, warum die Gespräche gescheitert sind, wollten sich beide Seiten nicht äußern. Acathia Capital hatte sich zuletzt mehrfach als Käufer von Versicherungsbeständen positioniert. Der Markt für die Abwicklung sogenannter Altbestände ist in der Branche jedoch umkämpft und unterliegt strengen regulatorischen Anforderungen. Eine Übertragung von Versicherungsverträgen muss von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht genehmigt werden. Komplexe Kapitalanforderungen und die Bewertung der Garantien machen solche Deals häufig schwierig.
Strategische Gründe für den Rückzug
Ursprünglich war der Verkauf Teil einer Strategie, mit der sich die R+V stärker auf ihre Kernmarke konzentrieren wollte. Auch die verhältnismäßig teure IT-Migration alter Versicherungsbestände auf neuere Systeme hatte das Unternehmen als Belastung genannt. Mit dem Verbleib von Condor Leben in der Gruppe bleiben diese Herausforderungen jedoch bestehen. Das dürfte auch Einfluss auf die künftige Investitionsplanung der Genossenschaft haben. Die R+V ist Teil der Genossenschaftlichen FinanzGruppe Volksbanken Raiffeisenbanken und zählt zu den größten Versicherern Deutschlands.
Für die Kunden der Condor Leben dürfte sich zunächst nichts ändern. Ihre vertraglich zugesicherten Leistungen bleiben unberührt. Die Verträge werden wie gehabt betreut, auch wenn die Tochtergesellschaft seit Jahresbeginn kein Neugeschäft in der privaten Altersvorsorge mehr schreibt. In der betrieblichen Altersvorsorge und bei Berufsunfähigkeitsversicherungen ist sie weiterhin aktiv.
Hoffnung auf belebte Bestandsverkäufe erfüllt sich nicht
Am Markt wurde die Transaktion aufmerksam verfolgt. Branchenbeobachter hatten gehofft, dass der Verkauf von Condor Leben den Markt für Bestandsübertragungen beleben könnte. In der Branche gilt die Abwicklung alter Lebensversicherungsbestände als Wachstumsfeld. Der Bestandsabwickler Viridium hatte wiederholt Interesse an neuen Übernahmen bekundet. Mit dem Ausstieg von R+V bleibt eine prominente Gelegenheit nun allerdings aus.
Ob sich weitere Versicherer zu Verkäufen entschließen, bleibt abzuwarten. Die R+V-Gruppe muss ihre alte IT-Infrastruktur nun voraussichtlich selbst modernisieren. Wie hoch der Aufwand ist, ließ das Unternehmen offen. Die Entscheidung beendet den monatelangen Prozess überraschend.
Mit der Absage bleibt der deutsche Markt für Lebensversicherungsbestände vorerst ohne den erhofften Schub. Die R+V gilt als solides Haus, das die Abwicklung selbst stemmen kann. Für die Branche ist die Entscheidung dennoch ein Signal, dass sich Verkäufe schwieriger gestalten als erhofft.
Condor Leben hat eine wechselvolle Geschichte
Die Condor Leben gehört seit 2008 zur R+V. Damals übernahm der Versicherer die Gesellschaft von der Oetker-Gruppe. Die Condor Allgemeine, das Sachversicherungsgeschäft, ging später vollständig in der R+V Allgemeine auf. Die Condor Leben blieb als eigenständige Einheit bestehen. Ein Verkauf hätte die Lebensversicherungstochter aus dem Verbund gelöst und eine neue Konsolidierungswelle einleiten können – daraus wird nun nichts.
Für die R+V bedeutet die Kehrtwende, dass sie sich langfristig weiterhin mit den Altbeständen beschäftigen muss. Der Schritt dürfte auch Auswirkungen auf die eigene Bilanzstruktur haben. Die genossenschaftliche Gruppe betont jedoch, dass die Weiterführung für alle Beteiligten die sinnvollste Lösung sei. Ob es langfristig bei dieser Lösung bleibt, ist offen – der Markt beobachtet die Entwicklung genau.



