Ceuta-Ansturm: Viele Theorien, aber keine klare Antwort
Ceuta-Ansturm: Viele Theorien, aber keine klare Antwort

Innerhalb weniger Stunden strömten Zehntausende Migranten in die spanische Exklave Ceuta an der nordafrikanischen Küste. Die Bilder von jungen Männern, die halb bekleidet durch die Straßen irrten, von Anwohnern, die sich verbarrikadierten und die Ankömmlinge bedrohten, gingen um die Welt. Nur wenig später hatten sich die meisten der geschätzten 50.000 bis 60.000 Menschen wieder nach Marokko zurückgezogen – doch der Schock sitzt tief.

Der Vorfall hat nicht nur Spanien, sondern die gesamte EU aufgeschreckt. In Berlin sprach Bundesfinanzminister und SPD-Chef Lars Klingbeil von einer „offenbar gesteuerten Migrationsbewegung“. Migranten würden „instrumentalisiert in dem Versuch, Europa zu spalten“, sagte er. Diese Einschätzung teilen viele in Spanien – auch wenn es für eine klare Steuerung bisher keine Belege gibt.

Warum schauten Marokkos Behörden weg?

Einig sind sich nahezu alle Beobachter: Ohne das zumindest zeitweise Wegschauen der marokkanischen Sicherheitskräfte wäre der Ansturm nicht möglich gewesen. Die Grenze ist normalerweise streng bewacht und technisch hochgerüstet. Die Zeitung „El País“ schrieb, Zehntausende hätten sie nicht ohne „Billigung oder Mitwirkung“ der Verantwortlichen in Rabat überwinden können. Videos zeigten die Untätigkeit der marokkanischen Beamten.

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Auch in Marokko selbst wird darauf hingewiesen, dass ein derartiges Ereignis in dem autoritär regierten Königreich nur mit Duldung der Führung denkbar sei. König Mohammed VI. hat den Sicherheitsapparat massiv ausbauen lassen und setzt auf digitale Überwachung. Mehrere Migranten berichteten spanischen Medien unabhängig voneinander, dass sie nicht gestoppt, sondern regelrecht zum Grenzübertritt ermuntert worden seien.

Diplomatischer Zündstoff: Westsahara und die EU

Welches Interesse könnte Rabat an dem Chaos haben? Die Beziehungen zwischen Madrid und Rabat sind angespannt. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez hat vergangene Woche die Beziehungen zu Algerien gestärkt – dem Nachbarn und Erzrivalen Marokkos. Zudem betrachtet Marokko die beiden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla als „besetzte marokkanische Städte“, während sie aus spanischer Sicht seit Jahrhunderten zu Spanien gehören.

Hinzu kommt ein Vorhaben im spanischen Parlament: Der Justizausschuss hat einem Gesetzentwurf zugestimmt, der vielen Sahrauis und ihren Nachkommen den Erwerb der spanischen Staatsbürgerschaft erleichtern soll. Die Westsahara war bis 1975 spanische Kolonie und wurde danach von Marokko besetzt. In spanischen Medien wird spekuliert, Rabat sehe darin eine Provokation, weil Angehörige der von Algerien unterstützten Unabhängigkeitsbewegung Polisario mit einem EU-Pass schwerer verfolgt werden könnten.

Ein Déjà-vu aus dem Jahr 2021

Der Verdacht, Marokko nutze Migration als Druckmittel, kommt nicht von ungefähr. Bereits 2021 hatte Spanien Marokko genau das vorgeworfen. Damals hatte Madrid den Chef der von Algerien unterstützten Polisario in einem Krankenhaus aufgenommen – kurz darauf gelangten mehr als 8.000 Menschen nach Ceuta. Madrid sprach von „Erpressung“, Rabat konterte: „Handlungen haben Konsequenzen“.

Eine weitere Vermutung in der aktuellen Krise: Rabat wolle demonstrieren, dass seine Rolle als Grenzpolizist für Europa nicht selbstverständlich sei. Marokko erhält für die Eindämmung von Migration EU-Gelder in Millionenhöhe. Wer diese Leistungen als selbstverständlich betrachte, müsse mit einem Denkzettel rechnen, so die Botschaft, die manche aus den Ereignissen herauslesen.

Spekulationen um USA und Israel

Darüber hinaus wird über Signale spekuliert, die Spaniens Migrationspolitik gesendet habe. Die Legalisierung bereits im Land lebender irregulärer Migranten könnte falsche Hoffnungen genährt haben, auch wenn sie nicht für Neuankömmlinge gilt. Zudem wird ein spanisches Gerichtsurteil diskutiert, das Zurückweisungen nach einer Einreise über das Meer erschwert.

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Noch weiter gehen Spekulationen, wonach Marokko im Interesse seiner engen Verbündeten USA und Israel gehandelt haben könnte. Spanien hatte Israels Vorgehen im Gazastreifen und die US-Angriffe auf den Iran scharf kritisiert und sich dem Druck von US-Präsident Donald Trump widersetzt, die Verteidigungsausgaben schneller zu erhöhen. Manche Beobachter leiten daraus ab, Rabat habe die linke Regierung in Madrid destabilisieren und die Migrationsdebatte in Europa anheizen wollen.

Ein israelnaher Analyst hatte sogar gefordert, Israel solle Marokko helfen, Ceuta und Melilla „zurückzuerlangen“, um Spanien zu „bestrafen“. Belastbare Hinweise auf eine Beteiligung der USA oder Israels an den Ereignissen gibt es jedoch nicht.

Soziale Not und Jugend ohne Perspektive

Die marokkanische Regierung schweigt zu den Vorfällen. Aus einer Partei mit Nähe zum Königshof heißt es lediglich, ein „nationaler Dialog“ zu Problemen der Jugend sei nötig. Kritiker werfen der Regierung vor, die Jugend vernachlässigt zu haben. Der Autor Abdelhamid Bajouki schreibt, für die Betroffenen sei „das Meer weniger furchteinflößend als das Zuhause“.

Die wirtschaftlichen Zahlen scheinen ihm recht zu geben: Marokkos Wirtschaft wächst zwar so schnell wie seit Jahren nicht, doch die Arbeitslosigkeit ist vor allem bei jungen Menschen hoch. Laut einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) hat jeder Dritte zwischen 15 und 29 Jahren keinen Job, kein Studium und keine Ausbildung – besonders betroffen sind Frauen. In Städten wie Casablanca, Rabat oder Fès und im ländlichen Raum fehlt es an Perspektiven.

Schlepper und soziale Netzwerke befeuern die Krise

Viele junge Marokkaner fassen deshalb Spanien und Frankreich ins Auge – wegen der geografischen Nähe und historischer Verbindungen. Beide Länder waren einst Kolonialmächte in Nordafrika und beheimaten große marokkanische Gemeinden. Diese Lage nutzen Schlepper aus. Die Regierung versucht zwar, den Menschenhandel einzudämmen, doch die kriminellen Netzwerke bestehen weiter. Allein 2025 meldeten Marokkos Behörden 73.000 irreguläre Einreisen aus der Subsahara.

Im Fall Ceuta spielten offenbar auch soziale Netzwerke eine entscheidende Rolle. Viele Migranten berichteten, sie seien durch Videos und Nachrichten auf Plattformen wie TikTok auf die angeblich offene Grenze aufmerksam geworden. Schnell verbreitete sich die Hoffnung auf Unterkünfte und die Weiterreise aufs spanische Festland. Doch Ceuta und Melilla gehören zwar zur EU, nicht aber zum Schengen-Raum – eine Weiterreise ist also nicht ohne Weiteres möglich.

Ernüchterung nach der Euphorie

Vor Ort wich die Euphorie dann schnell der Ernüchterung. Der 18-jährige Mohamed erzählte einem Reporter von „El País“: „Man hatte uns gesagt, wir bekämen eine Unterkunft und ein Visum für Algeciras. Aber das war alles gelogen.“ Eine junge Mutter klagte: „Ich habe nicht einmal Milch für mein Baby bekommen.“ Dass die meisten der 50.000 bis 60.000 Ankömmlinge unter dem Druck der spanischen Sicherheitskräfte schnell „freiwillig“ nach Marokko zurückkehrten, ist vor diesem Hintergrund wenig überraschend.

Die politische Debatte in Europa dürfte dennoch weitergehen. Das Chaos von Ceuta hat gezeigt, wie verletzlich die EU-Außengrenzen sind – und wie schnell Migration zur Waffe in diplomatischen Konflikten werden kann.