Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in Mexiko, Kanada und den USA neigt sich dem Ende zu. Am heutigen Sonntag treffen im Finale Spanien und Weltmeister Argentinien aufeinander. Nach 39 Tagen und 104 Spielen steht der Sieger fest. Während aus Europa Kritik am XXL-Format laut wird, vermeldet die FIFA Rekordzahlen. Im Gespräch mit ntv Sport ordnet Sportökonom Dominik Schreyer von der WHU – Otto Beisheim School of Management die wirtschaftlichen Aspekte des Turniers ein.
FIFA feiert wirtschaftlichen Volltreffer
„Rein ökonomisch gesehen ist diese WM für die FIFA ein totaler Volltreffer“, sagt Schreyer. „Und für mich als Beobachter war es tatsächlich eine aufregende WM. Ständig gab es überall Erregungen: über die extremen Ticketpreise, über die Kommerzialisierung der Trinkpause und natürlich auch über die schiere Anzahl der Spiele.“
Die Ausweitung auf 48 Teams und 104 Spiele sei ein zentraler Wachstumshebel. „Es hat 100 Spiele gebraucht, um die ersten vier der Weltrangliste ins Halbfinale zu bugsieren, und 102, um die ersten beiden der Weltrangliste ins Finale zu bringen“, so Schreyer. Dies erinnere an Bundesliga-Verhältnisse: „102 Spiele bedeuten, wir haben ein Drittel einer Bundesliga-Saison gespielt und am Ende steht eben der FC Bayern oben.“
Hydration Breaks als neues Werbe-Inventar
Ein großer Aufreger war die Einführung der Trinkpausen und deren direkte Kommerzialisierung. Die FIFA behauptete in einem Communiqué, daran nichts zu verdienen. Schreyer hält dies kurzfristig für glaubhaft: „Medienrechte werden oft weit im Vorfeld eines Turniers vergeben. Daher ist es, ohne die Vertragsdetails zu kennen, eher glaubhaft.“ Langfristig sieht er die Pausen jedoch als zusätzliches Werbeinventar: „Die spannende Frage ist: Bleiben uns die Trinkpausen erhalten? Dann hätte man den TV-Anstalten und den Streamern heute vielleicht etwas gegeben, was man in Zukunft als zusätzliches Inventar einplant, mit allen Konsequenzen.“
Schreyer betont, dass die FIFA das Produkt konsequent weiterentwickle. „In vielen Märkten wird es schwieriger, die Medienrechte zu vermarkten. Wenn man aber weiter Wachstum will, dann gibt es nur zwei Wege: mehr Spiele und mehr planbare Werbepausen. In diesem Sinne sind diese Hydration Breaks dann Inventar, das sich extrem gut vermarkten lässt.“
US-Sender nutzen Pausen unterschiedlich
In den USA gingen zwei konkurrierende Sender unterschiedlich mit den Pausen um. Der englischsprachige Sender FOX schaltete in jeder Pause Werbung, während der spanischsprachige Sender Telemundo im Stadion blieb. Schreyer prognostiziert: „Langfristig wahrscheinlich nicht. Hier wird jetzt im Prinzip der Status quo vorgegeben. Ein Sender prescht nach vorne, in diesem Beispiel FOX, und setzt damit viel Geld um. Von rund 250 Millionen Dollar allein bei diesem Turnier ist die Rede.“
Die Hydration Breaks unterteilen das Spiel effektiv in Viertel. Ob dies dem Premiumprodukt WM schadet, bezweifelt Schreyer: „Es gibt viel Kritik, es wird viel lamentiert, es wird viel kommentiert. Die Frage ist aber eine andere: schlägt es sich negativ in den Zuschauerzahlen nieder? Solange die Zuschauer nicht abschalten, gibt es keinen Grund, das negativ zu sehen.“
Dynamische Preise: Eine Börse für Tickets
Ein weiterer Hebel waren die dynamischen Preise. Schreyer beobachtete eine hohe Volatilität: „Mein Lieblingsbeispiel ist das Spiel Argentinien gegen die Schweiz. Der Get-in-Preis lag im Vorfeld bei um die 2000 US-Dollar. Dann fiel der Preis schon vor dem Viertelfinale schrittweise auf 1400 Dollar.“ Während des Spiels Argentinien gegen Ägypten sei der Preis zwischenzeitlich unter 1000 US-Dollar gefallen, um nach dem späten Ausgleich wieder auf über 2000 US-Dollar zu steigen. „Der Preis reagiert also unmittelbar auf das, was auf dem Platz passiert. Das ist eine Börse.“
Schreyer erwartet, dass dynamische Preise auch in Europa Einzug halten werden: „Die CEOs der großen Klubs schauen darauf. Irgendwann wird jemand vorpreschen. Dann ist es ein Chelsea, ein Manchester United. Irgendwer wird es machen, und dann entsteht Wettbewerbsdruck.“
USA und FIFA: Ein Traumpaar
Die USA haben die WM mit Begeisterung aufgenommen. „Die Amerikaner lieben das Event. Sie lieben den Fußball vielleicht nicht, aber sie lieben diese Weltmeisterschaft“, sagt Schreyer. Die FIFA profitiere von großen Stadien, höheren Preisen und dem am stärksten entwickelten Medienmarkt der Welt. „Es würde mich kaum wundern, wenn die FIFA 2038 mit der WM zurückkommt. Die FIFA und die USA sind ein ‚match made in heaven‘, ein absolutes Traumpaar.“
Die Auslastung der Stadien lag nach FIFA-Angaben bei 99,7 Prozent. „Wenn man diesen Zahlen nicht traut und es am Ende etwas weniger waren, macht es auch keinen großen Unterschied. Die FIFA hat offensichtlich einen großen Teil der Zahlungsbereitschaft erfolgreich abgeschöpft“, so Schreyer.
Expansion: Mehr Spiele, häufigere Turniere
Gianni Infantino träumt bereits von einer WM mit 64 Nationen. Schreyer hält auch eine häufigere Austragung für denkbar: „Es ist ein Entertainmentprodukt. Ganz ehrlich: an die meisten Bundesligaspiele erinnert man sich nicht, es sind doch immer wenige Highlights, die hervorstechen. Es ist dann ein Produkt, etwas, das auch auf Netflix laufen könnte. Nebenbei. Lass es doch alle zwei Jahre stattfinden.“
Auf die Frage nach der Belastung der Spieler entgegnet Schreyer: „Sie können immer die Probleme sehen. Sie können sie aber auch lösen: größere Kader, weniger Ligaspiele. Vielleicht verschiebt sich da etwas. Die FIFA wird Rekordergebnisse vorlegen, an denen sie in Zukunft gemessen werden wird.“
Kritik verpufft: FIFA profitiert von Ruf
Trotz anhaltender Kritik in Europa sei die Marke FIFA in den USA stark. „Die Menschen lieben vielleicht nicht den Fußball, aber die Weltmeisterschaft, und dafür steht die FIFA“, sagt Schreyer. „Grundsätzlich befreit die Aufregung und Kritik die FIFA auch ein bisschen. Wie heißt es so schön? Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Tatsächlich ist es ein bisschen so wie bei Donald Trump: Es gibt viel Kritik, viele Vorwürfe, aber nichts davon bleibt wirklich haften.“



