Volkswagen verhandelt über den Verkauf seiner Tochterfirma Everllence, dem Spezialisten für Schiff- und Kraftwerksmotoren sowie Großwärmepumpen. Der Konzern will 51 Prozent der Anteile abgeben und erhofft sich einen Erlös von mehr als vier Milliarden Euro. Doch der Deal ist gefährdet: Hinter den Kulissen sorgt eine geheime Akte namens „Balthazar“ für Unruhe.
Das steckt hinter „Balthazar“
Nach Informationen von BILD geht es bei „Balthazar“ um behördliche Ermittlungen in Japan zu manipulierten Verbrauchswerten bei großen Zweitakt-Schiffsmotoren. Die Haftungsrisiken sollen sich auf einen Milliardenbetrag belaufen. Zwei mit dem Vorgang vertraute Personen bestätigten dies unabhängig voneinander. Die Unterlagen wurden im Datenraum für Kaufinteressenten besonders abgeschirmt; jeder Bieter musste eine zusätzliche Geheimhaltungsvereinbarung unterschreiben.
Bieter und Interessenkonflikte
Noch sind drei Finanzinvestoren im Rennen: Bain Capital, CVC sowie ein Konsortium aus EQT, der Porsche SE und dem katarischen Staatsfonds. Besonders die Porsche SE steht unter Beobachtung: Die Holding der Familien Porsche und Piëch ist mit 53,3 Prozent der Stimmrechte der wichtigste VW-Aktionär. Hans Dieter Pötsch, Aufsichtsratsvorsitzender von Volkswagen und Chef der Porsche SE, kontrolliert den Verkäufer und bietet zugleich mit. Die Porsche SE ist hoch verschuldet und auf VW-Dividenden angewiesen, was eine mögliche Sonderdividende aus dem Everllence-Deal besonders attraktiv macht.
Der Diesel-Skandal auf den Weltmeeren
In Japan laufen seit 2024 Ermittlungen zu falschen Verbrauchswerten bei Schiffsmotoren. Betroffen sind Lizenznehmer der ehemaligen MAN Energy Solutions, die 2025 in Everllence umbenannt wurde. Hitachi Zosen Marine Engine und IMEX produzierten und verkauften MAN-Motoren. Laut einem Bericht von ShippingWatch wiesen von 1.366 untersuchten Motoren nur zwei vollständig korrekte Energieeffizienzwerte auf. Software-Programme sollen Kunden bei Prüfungen einen anderen Kraftstoffverbrauch angezeigt haben als den tatsächlichen. Für Reeder und Werften sind Verbrauchswerte essenziell: Schon kleine Abweichungen können über die Lebensdauer eines Schiffes Millionen kosten.
Reaktionen von VW und Everllence
Ein Sprecher von VW und Everllence bestätigte, dass der Projektname „Balthazar“ im Zusammenhang mit einer Prüfung zu einzelnen Geschäftspartnern stehe. In einem Statement betont das Unternehmen, dass die betroffenen Motoren nicht von Everllence selbst gebaut und die Tests nicht von Everllence durchgeführt wurden. „Dem Unternehmen sind keine Schadensersatzansprüche oder behördlichen Verfahren gegen Everllence oder Mitarbeiter von Everllence im Zusammenhang mit diesem Sachverhalt bekannt“, heißt es. Zu Haftungsrisiken und Gesprächen mit Bietern äußerte sich das Unternehmen nicht.
Nach BILD-Recherchen verhandeln VW und die Bieter derzeit intensiv über die Aufteilung der Haftungsrisiken. Die Formel: Je mehr Risiken Volkswagen übernimmt, desto mehr kann der Autobauer für Everllence kassieren. Der Ausgang des Pokers bleibt ungewiss.



