Hälfte aller Sozialwohnungen weg: Jeden Tag 71 Wohnungen weniger
Hälfte der Sozialwohnungen weg: 71 pro Tag weniger

In Deutschland verschwinden täglich rechnerisch 71 Sozialwohnungen. Der Bestand ist seit 2006 um die Hälfte eingebrochen. Für Mieter mit Wohnberechtigungsschein (WBS) wird die Wohnungssuche zunehmend zur Geduldsprobe – oft vergeblich.

Ellen Lips aus Hamburg: Sieben Monate Zeit

Ellen Lips (68) aus Hamburg hat nur noch sieben Monate, um eine neue Wohnung zu finden. Trotz WBS fand sie bisher kein passendes Objekt. „Der Schein allein öffnet keine Türen, er verlängert nur die Warteschlange“, sagt sie. Ihr Fall steht exemplarisch für Hunderttausende in Deutschland.

Hans Christian aus Berlin: Drei Jahre Suche

Hans Christian (40) suchte in Berlin trotz gültigem WBS drei Jahre lang nach einer Wohnung. Er berichtet von unzähligen Absagen und langen Wartezeiten. „Das System ist kaputt“, so sein Fazit. Die Nachfrage nach Sozialwohnungen wächst schneller als der Bestand.

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Bestand halbiert: Von 1,2 Millionen auf 600.000

Laut aktuellen Zahlen ist die Zahl der Sozialwohnungen in Deutschland von 1,2 Millionen im Jahr 2006 auf rund 600.000 im Jahr 2024 gesunken. Das ist ein Rückgang um 50 Prozent. Jeden Tag fallen weitere 71 Wohnungen aus der Bindung – durch Auslaufen der Sozialbindung oder Abriss. Gleichzeitig steigt die Zahl der Haushalte mit Anspruch auf eine Sozialwohnung kontinuierlich.

Milliardenförderung verpufft

Trotz Milliardenförderung von Bund und Ländern gelingt es nicht, den Bestand zu stabilisieren. „Die Neubauförderung kommt nicht schnell genug an, während täglich Bestand verloren geht“, kritisiert ein Sprecher des Deutschen Mieterbundes. Der Neubau von Sozialwohnungen kann den Schwund nicht ausgleichen: 2023 wurden nur rund 25.000 neue Sozialwohnungen fertiggestellt – viel zu wenig, um die Lücke zu schließen.

Wohnungssuche mit WBS: Kaum Chancen

In vielen Städten, insbesondere in Metropolen wie Hamburg, Berlin, München und Frankfurt, ist die Konkurrenz um Sozialwohnungen enorm. Auf eine freie Wohnung kommen oft mehrere Dutzend Bewerber mit WBS. „Der WBS ist heute oft nur noch eine Eintrittskarte in ein Bewerbungsverfahren, aber keine Garantie auf eine Wohnung“, erklärt eine Sprecherin des Bundesbauministeriums.

System in der Krise: Was muss sich ändern?

Experten fordern eine Ausweitung der Sozialbindung auf mehr Jahre sowie höhere Fördermittel für den Neubau. Auch die Umwandlung von Sozialwohnungen in Eigentumswohnungen müsse gestoppt werden. Der Mieterbund schlägt vor, die Mietpreisbremse zu verschärfen und mehr Bauland für den sozialen Wohnungsbau auszuweisen.

Ellen Lips und Hans Christian bleiben vorerst ohne Lösung. „Ich hoffe, dass sich etwas bewegt, bevor meine Zeit abläuft“, sagt Lips. Christian ergänzt: „Es kann nicht sein, dass Menschen mit WBS jahrelang warten müssen – das ist ein Armutszeugnis für die Politik.“

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