Jobcenter kontrolliert überbelegtes Wohnheim in Reinickendorf
Jobcenter prüft überbelegtes Wohnheim in Reinickendorf

Kurz nach sechs Uhr morgens klopfen zwei Mitarbeiterinnen der Berliner Jobcenter an der ersten Tür eines Wohnheims in Reinickendorf. „Guten Morgen, wir kommen vom Jobcenter und prüfen, wer hier wohnt. Können wir mal Ihren Ausweis sehen?“ Der Bewohner reagiert aggressiv und will seinen Ausweis zunächst nicht zeigen. Sein Zimmer koste 1400 Euro, sagt er. „Wann bekomme ich endlich eine Wohnung?“ An dem Eckhaus ist noch in großen Buchstaben der Schriftzug „Hotel“ zu sehen. Im November 2022 änderte die Eigentümerin das Geschäftsmodell und machte aus dem Hotel ein Wohnheim für Wohnungslose. Für die meisten von ihnen übernimmt das Jobcenter die Kosten, das Geld wird direkt an die Betreiberfirma gezahlt.

Offiziell 140 Plätze, aber 185 gemeldet

Die Unterkunft hat offiziell bis zu 140 Plätze. „Allerdings sind dort rund 185 Leistungsbezieher gemeldet“, sagt David Lee Wingert, Geschäftsführer des Jobcenters Reinickendorf. Wegen des Verdachts der Überbelegung kontrollierten am Freitagmorgen rund 50 Mitarbeiter von Jobcentern, Polizei und Familienkasse die Unterkunft. Die Bewohner mussten sich ausweisen, die Namen wurden dann mit der Liste der Leistungsbezieher abgeglichen.

Besuchsverbot wegen Bettwanzen

Zumindest im zweiten Stock eines Gebäudeteils kann auf den ersten Blick von überfüllten Zimmern keine Rede sein. In manchen Räumen wohnt eine Person, ein Zimmer teilt sich eine Frau mit ihrem Kleinkind. Im gesamten Wohnheim gilt derzeit ein striktes Besuchsverbot, weil das Gebäude mit Bettwanzen befallen ist. Dieses Jahr wurden bereits mehrere Unterkünfte für Wohnungslose kontrolliert, bei denen es ebenfalls Verdachtsmomente gab. „Wir schauen in solchen Fällen, ob Steuergelder ordnungsgemäß eingesetzt werden oder ob vielleicht kriminelle Energie dahintersteht“, sagt Wingert.

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System anfällig für Missbrauch

Eine Tagesspiegel-Recherche hatte im Februar gezeigt, dass die Unterbringung von Wohnungslosen in Berlin ein lukratives und zugleich sehr missbrauchsanfälliges Geschäft ist. In der Hauptstadt gibt es mehr als 500 Unterkünfte für Wohnungslose. Darunter sind sozial engagierte Betreiber, denen es nicht in erster Linie um Gewinne geht. Allerdings zieht das Geschäft auch Personen mit fragwürdigem Hintergrund an.

Die Sozialämter der Bezirke weisen die Wohnungslosen einer Unterkunft in Berlin zu. Pro Person wird ein zuvor mit dem zuständigen Bezirksamt vereinbarter Tagessatz gezahlt. Monatliche Kosten wie die von dem Bewohner in Reinickendorf genannten 1400 Euro sind dabei keine Seltenheit. In einer Pension in Charlottenburg stellten die Jobcenter bei zwei Kontrollen im vergangenen Jahr fest, dass die Betreiberin offenbar über einen längeren Zeitraum Geld für Wohnungslose kassierte, die dort überhaupt nicht lebten. Gegen die Inhaberin wird nun wegen des Verdachts des Betrugs ermittelt. Der finanzielle Schaden liegt bei über einer Million Euro. Auch bei einer Kontrolle in einer berüchtigten Unterkunft in der Fuggerstraße kam am Ende heraus, dass dort gemeldete Personen offensichtlich gar nicht in dem ehemaligen Hotel wohnten.

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