Gut drei Monate nach der herben Niederlage bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg haben die Sozialdemokraten einen Neustart eingeleitet. Künftig soll die Landes-SPD von einer jungen Doppelspitze geführt werden. Bei einer Mitgliederbefragung um den Parteivorsitz setzten sich der frühere Bundestagsabgeordnete Robin Mesarosch aus Sigmaringen und die Mannheimer Bundestagsabgeordnete Isabel Cademartori durch. Beide erhielten 56,5 Prozent der gültigen Stimmen.
Formelle Bestätigung erwartet
Am Freitagabend sollen die beiden auf dem Landesparteitag in Ulm zur Wahl gestellt werden. Da die unterlegenen Bewerber auf eine erneute Kandidatur verzichten, gilt die Bestätigung der neuen Doppelspitze als reine Formsache. „Wir wollen die SPD Baden-Württemberg moderner, sichtbarer und politisch profilierter aufstellen“, erklärten Cademartori und Mesarosch am Dienstag.
SPD im Südwesten auf einem Tiefpunkt
Bei der Landtagswahl im März erreichte die SPD mit nur 5,5 Prozent der Stimmen einen historischen Tiefpunkt. Die Sozialdemokraten stellen nun noch zehn Abgeordnete im Landtag. Spitzenkandidat Andreas Stoch hatte noch am Wahlabend seinen Rückzug als Partei- und Fraktionschef angekündigt. Dass nach dem Fraktionsvorsitz kurz darauf ausgerechnet Sascha Binder griff, der als Generalsekretär den SPD-Wahlkampf verantwortete, stieß bei vielen Sozialdemokraten auf Kritik – so auch bei Mesarosch. „Es zeigt, dass einige doch überhaupt nicht verstanden haben, was gerade los ist“, sagte der Social-Media-Experte in einem Interview mit dem Tagesspiegel. Er warf seiner Partei wirkungslose Kommunikation, schlechte Organisation sowie Inhaltslosigkeit vor. Zu sehr konzentriere sich Macht auf einzelne, während man Talente systematisch aussortiere. Wenige Tage später kündigten er und Cademartori ihre Kandidatur für den Parteivorsitz an.
Generationenwechsel mit Unterschieden
Mit der neuen Führung leitet die SPD einen Generationenwechsel im Südwesten ein. Mesarosch ist 35, Cademartori 38 Jahre alt. Allein auf Instagram folgen ihm über 129.000 Menschen – eine Reichweite, die deutlich größer ist als die seiner Parteivorsitzenden. Cademartori sitzt weiterhin im Bundestag. Beide zogen 2021 in den Bundestag ein, allerdings verpasste Mesarosch den Wiedereinzug 2025. Inhaltlich lagen sie schon damals eher auseinander. Mesarosch, vorwiegend Energie- und Klimapolitiker, galt als einer der lautesten Verteidiger des Atomausstiegs. Die Verkehrs- und Außenpolitikerin Cademartori sprach sich dagegen für Laufzeitverlängerungen aus. Zudem gehört er zum linken Parteiflügel, während sie zu den wirtschaftsfreundlichen Seeheimern zählt. Auch ihre Lebenswege verliefen unterschiedlich: Mesarosch wuchs in Baden-Württemberg auf, war Schülersprecher, studierte Kommunikation ohne Abschluss und war Social-Media-Referent unter anderem für Martin Schulz und Andrea Nahles. Cademartori kam in Brandenburg zur Welt, verbrachte frühe Jahre in Santiago de Chile und kehrte mit zwölf nach Hannover zurück. Nach Baden-Württemberg brachte sie ihr BWL-Studium; in Mannheim machte sie ihren Master in Wirtschaftspädagogik und engagierte sich im Gemeinderat.
Gemeinsame Ziele trotz Unterschiede
Genau diese inhaltlichen und persönlichen Unterschiede stellten beide in ihrer Kandidatur explizit heraus. „Die SPD wird anders, damit dieses Land besser wird“, schrieb Mesarosch am Dienstag auf Instagram. Ihr inhaltliches Angebot: Klimaschutz und Wirtschaftspolitik zusammendenken sowie die Verteilungsfrage ins Zentrum rücken. Zumindest bei den SPD-Mitgliedern im Südwesten drangen er und Cademartori mit diesem Angebot durch. Ihre beiden Herausforderer ließen sie klar hinter sich: Die Tübinger Landtagsabgeordnete Dorothea Kliche-Behnke erreichte 24,5 Prozent, der Ex-McKinsey-Berater Carsten Lotz 16,9 Prozent. Allerdings beteiligten sich nur rund 13.000 der 30.000 wahlberechtigten Mitglieder an der Befragung.



