Im Berliner Wahlkampf wird viel gestritten – über Kosten für Schulessen und Kitas, über Verkehr und Straßenzustand, über Sauberkeit, Bürokratieabbau, Polizeiausstattung und nicht zuletzt über die Bildung der Kinder. Ein Thema sucht der ehemalige Sozialarbeiter und freie Kolumnist Dieter Puhl in der parteipolitischen Auseinandersetzung jedoch vergeblich: das Sterben obdachloser Menschen auf der Straße. „Es sterben obdachlose Menschen auf der Straße – und niemand zählt die Toten“, klagt Puhl in seiner Kolumne „Nachtgestalten“.
Puhl bringt für seine Kritik besondere Erfahrung mit: Mehr als 30 Jahre hat er selbst in der Wohnungslosenhilfe in Berlin gearbeitet, bevor er sich als Kolumnist unter anderem sozialen Themen und dem Älterwerden widmete. Seine Beobachtung ist ernüchternd: Niemand weiß, wie viele Menschen tatsächlich auf der Straße leben. Leben 6000 wohnungslose Menschen unter Brücken, in Parkanlagen oder Hauseingängen? Oder sind es in Berlin inzwischen bereits 10.000? Exakte Zahlen gibt es nicht.
Gewalt und fehlende medizinische Versorgung
Viele obdachlose Menschen sind schwer psychisch erkrankt. Puhl beschreibt drastisch, dass sie buchstäblich bei lebendigem Leib verwesen, während sich die Öffentlichkeit über Geruchsbelästigungen in Bahnen und Bussen empört. Armut und Not seien unerträglich. Hinzu kommt eine allgegenwärtige Gewalt: Obdachlose werden bespuckt, belästigt, beleidigt, vergewaltigt – und sogar angesteckt. Manchmal würden Opfer zu Tätern, gegeneinander, aber auch gegenüber Menschen mit Wohnung. Häufig sei das die Folge eines medizinischen Problems: Alkohol und Drogen potenzierten die seelischen Erkrankungen. Eine ärztliche Versorgung, die ihren besonderen Bedürfnissen gerecht wird, gebe es kaum.
Die Dimension des Problems zeigt sich auch in den Unterbringungszahlen: Mehr als 57.000 wohnungslose Menschen sind in Berlin in Einrichtungen untergebracht. Oft zu enormen Kosten, unter unzulänglichen Bedingungen, über Jahre hinweg und ohne Perspektive auf ein selbstbestimmtes Leben. Im Jahr 2024 waren darunter 13.655 Kinder und Jugendliche. Puhl prangert an, dass „Geschäftemacher“ an diesem Elend gut verdienen.
Bis 2030 drohen 100.000 Betroffene
Und die Lage wird sich nach allen Prognosen weiter verschärfen: Bis 2030 sollen in Berlin insgesamt 100.000 Menschen von Wohnungs- oder Obdachlosigkeit betroffen sein. Dabei war das erklärte Ziel, die Obdachlosigkeit bis dahin zu überwinden. Die sogenannten Unsichtbaren sind jedoch längst nicht mehr zu übersehen, stellt der Kolumnist fest.
Gute Lösungsansätze gibt es nach Puhls Worten genug. Er verweist auf ein hervorragendes Thesenpapier der FDP – allerdings inzwischen mehr als zehn Jahre alt. Noch aktueller ist das Papier der CDU aus dem vergangenen Jahr. Auch nahezu alle anderen Parteien und zahlreiche Fachleute hätten sich mit dem Thema beschäftigt. Nur: Was ist aus all diesen Erkenntnissen geworden?
Konzepte wandern in die Schubladen
Papiere, Konzepte und Absichtserklärungen gebe es im Überfluss, so Puhl. Sie seien in den Schubladen der Politik verschwunden. Es könnte um Nächstenliebe und Barmherzigkeit gehen, doch beides komme in der Politik nur selten vor. Wenigstens aber müsste es ums Geld gehen – und das sei klug anzulegen. Gute Hilfen sparen langfristig Geld, betont Puhl. Der Finanzsenator wisse das. Falsch ausgegebenes Geld sei am Ende viel teurer.
Es ging auch anders, erinnert der Autor: Von Dezember 2016 bis Dezember 2021 war Elke Breitenbach Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales in Berlin. Versprechen gegenüber den Betroffenen wurden eingehalten, Hilfen geschaffen, umgesetzt und konsequent weiterentwickelt. Der damalige Finanzsenator Matthias Kollatz und der Regierende Bürgermeister Michael Müller trugen diesen Kurs mit. Es gab Hoffnung und Zuversicht – die Politik stand damals auf der Seite der Menschen.
„Lug und Trug, Augenwischerei“
Heute jedoch hat Dieter Puhl das Vertrauen in die Politik verloren: „Ich glaube den Parteien und ihren Versprechungen nicht mehr“, schreibt er. Die späteren Entschuldigungen und Ausreden scheinen in den Papieren gleich eingebaut zu sein. Lug und Trug, Augenwischerei – so lautet sein Fazit. Was wirklich fehlt, sei längst bekannt: Es fehlen nicht die Erkenntnisse, sondern viele Millionen Euro, echte Betroffenheit und vor allem der politische Wille, endlich zu handeln.



