Schulplatzvergabe in Berlin: Wie Eltern ihre Kinder richtig begleiten
Die Wunschschule nicht zu bekommen, kann eine große Belastung darstellen. Sozialpädagoge Andreas Bodemann gibt Ratschläge, wie Eltern ihre eigene Enttäuschung nicht auf die Kinder abwälzen und sie stattdessen unterstützen können.
Das Thema Schulplatzsuche und -vergabe
Herr Bodemann, als Berliner Familientherapeut und -berater: Wie groß ist das Thema Schulplatzsuche und -vergabe? Es kommt immer wieder vor. Leider sind bei uns die Wartezeiten etwas länger. Wenn Sie dieser Tage den Brief im Kasten haben und sich kurzfristige Beratung wünschen, gibt es gute Online-Formate, etwa von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung. Auch einige Berliner Erziehungsberatungsstellen bieten Online-Beratungen an. Da bekommt man relativ schnell eine Antwort.
Umgang mit Frust bei der Schulplatzvergabe
In Berlin bekommt beim Übergang in die siebte Klasse regelmäßig bis zu zehn Prozent eines Jahrgangs keinen Platz an einer der drei Wunschschulen. Wie sollten Eltern mit diesem Frust umgehen? Bevor man mit seinem Kind darüber spricht, was man jetzt macht und wie das alles werden soll, erst mal schauen: Wer hat eigentlich aktuell das Problem? Es kann gut sein, dass vor allen Dingen ich als Erwachsener fürchterlich enttäuscht bin darüber, dass ich die ausgewählten Schulen nun nicht bekomme für mein Kind. Wenn ich gleich darüber spreche, lade ich sozusagen meine Enttäuschung ab, und dann wird es für das Kind erst richtig schwierig.
Möglicherweise brauche ich also erst mal jemanden, mit dem ich sprechen kann, eine Freundin, einen Bekannten oder eben auch eine Online-Beratung. Wenn ich meine Emotionen schlecht reguliere, kann ich nicht erwarten, dass mein Kind es besser schafft. Selbst runterzukommen ist der erste Schritt.
Das Gespräch mit dem Kind führen
Wenn das gelungen ist: Wie geht man das Gespräch an? Das ist kein Gespräch, das man zwischen Tür und Angel führen sollte. Man braucht einen Augenblick, in dem man die volle Aufmerksamkeit und keinen Zeitdruck hat. Es gibt auch Kinder, die sich erst mal zurückziehen wollen und ein bisschen Zeit brauchen, das sollte man respektieren. Und dann ist es wichtig, Raum für Gefühle zu lassen. Wir halten es nicht gut aus, wenn unsere Kinder sich schlecht fühlen, auch ich nicht. Gleichzeitig ist es wichtig, diesen Platz zu lassen und dem Kind das auch zu spiegeln. Man kann sagen: Ich glaube, du bist jetzt richtig ärgerlich. Oder beschreiben, was man sieht: Du ballst die Hände so zusammen. Dann weiß das Kind: Mein Erwachsener merkt, was mit mir los ist. Ein lieber Kollege von mir sagt immer: Gefühle, die da sein dürfen, können auch wieder gehen. Das finde ich wichtig. Wenn Sie unangenehme Gefühle erlauben, dann können Sie sich beruhigen, das ist bei Erwachsenen auch nicht anders.
Freundeskreis und neue Schule
Was sagt man, wenn der ganze sonstige Freundeskreis gemeinsam auf die erhoffte Schule wechselt? Wichtig ist, dem Kind gegenüber nicht nur über das zu sprechen, was jetzt anders wird als geplant, sondern auch darüber, was gleich bleibt. Natürlich kannst du den Kontakt aufrechterhalten. Natürlich könnt ihr euch am Wochenende und Nachmittag treffen und Dinge unternehmen. Das Kind soll nicht denken, die Welt bricht jetzt zusammen. Es gibt auch Dinge, die stabil bleiben, auch wenn diese Entscheidung nicht so gefallen ist, wie sie gewünscht war. Das trägt zur Beruhigung bei.
Widerspruch und Klagen
Viele Eltern wollen sich mit dem zugewiesenen Schulplatz nicht abfinden, legen Widerspruch ein oder klagen sogar. Da kann ich zu nichts Bestimmtem raten. Viele Eltern haben heute den Ansporn: Ich zeige meinem Kind, dass ich für es kämpfe, und das kann auch sinnvoll sein. Für die Entwicklung ist es allerdings gut, auch mal Situationen zu haben, die nicht ideal laufen, und festzustellen: Ich komme trotzdem im Leben an. Und ich habe Eltern, die nicht aufgeben, sondern sagen: Okay, das wird jetzt anders, aber wir machen das zusammen. Wir haben alle in unserem Leben Situationen, in denen es nicht in die Richtung gelaufen ist, die wir wollten. Da durchzukommen, ist eine Kompetenz.
Sollte man dem Kind überhaupt sagen, dass man so etwas versucht, oder lieber abwarten, ob es überhaupt funktioniert? Sonst droht ja gleich die nächste Enttäuschung. Das Kind sollte natürlich erfahren, dass da noch etwas läuft, und es noch mal zu einem Wechsel kommen kann. Aber es ist auch gut, wenn es weiß: Das hat möglicherweise keine Aussicht auf Erfolg. Wichtig ist, dass die Eltern Hoffnung geben können, egal, wie der Ausgang ist. In jeder Berliner Schule hat man Aussicht auf schulischen Erfolg.
Die neue Schule positiv angehen
Wie geht man das Thema „Neue Schule“ an, wenn es nicht die ist, die man ausgesucht hätte? Kinder haben feine Antennen dafür, wenn wir selbst ängstlich sind. Ich glaube, das Wichtigste ist, selbst neugierig zu werden: Wie ist es da? Lass uns mal die Klassenlehrerin kennenlernen, ich bin gespannt. Wenn Kinder merken, mein Erwachsener ist neugierig, dann wissen sie, der hat keine Angst. Zu hören, dass der Papa schon ein Gespräch mit der Lehrerin hatte oder sich freut, dass auf seine E-Mail freundlich reagiert wurde, hilft dem Kind immens, sich angstfrei auf die Situation einzulassen.
Umgang mit der Umbruchsphase
Der Übergang auf die weiterführende Schule ist generell eine Umbruchsphase. Wie geht man damit innerhalb der Familie gesund um? Mit dem Übergang tritt manchmal eine Krise auf. Das passiert besonders häufig bei Jungs, ist aber auch für Mädchen nicht ungewöhnlich. Der Klassiker ist, dass Kinder, die es in der Grundschule sehr leicht hatten, in der ersten Phase ins Rudern kommen, weil sie zum ersten Mal richtig arbeiten müssen. Da ist es wichtig, Ruhe zu bewahren. Zu mir hat ein Lehrer mal gesagt: „Machen Sie sich gar keine Gedanken über die Noten Ihres Sohnes. Wir arbeiten gerade daran, dass Ihre Kinder in der zehnten und in der elften Klasse gute Noten haben.“ Das fand ich sehr entlastend.
Natürlich muss man vielleicht auch mal Nachhilfe organisieren. Mir hat mal jemand gesagt: „Ein Kind braucht eigentlich nicht viel mehr als einen Erwachsenen, der es jeden Tag einmal ansieht und dabei denkt: Du schaffst das.“ Ich glaube, mit der Haltung kommt man sehr weit. Ansonsten sind die Erziehungs- und Familienberatungsstellen da, wenn man nicht mehr weiterweiß.



