Der zweite Architekturwettbewerb für das neue Stadtviertel am Berliner Molkenmarkt ist abgeschlossen. Die Sieger der vier Lose setzen auf europäische Architekturtraditionen mit Kolonnaden, Arkaden, Loggien und Erkern. „Wir arbeiten am Versprechen, ein europäisches Quartier zu schaffen mit Zitaten von Italien über Skandinavien bis Tschechien, mit denen wir doch wirklich ein gutes Miteinander erschaffen“, sagte die Juryvorsitzende Antje Freiesleben bei der Vorstellung der Ergebnisse am Montagmorgen.
Los 1: Hemprich Tophof, Max Dudler und Simone Boldrin
Los 1 entschied ein Team der Architekturbüros Hemprich Tophof, Max Dudler und Simone Boldrin für sich. Teil dieses Loses war unter anderem das Wohn- und Geschäftshaus an der Ecke der künftigen Parochialgasse und des Molkenmarktes. Die Erdgeschossfenster sind durchweg als Bögen gestaltet, an der Ecke zur Gasse zieht sich der Bogen über zwei Stockwerke.
In der Gasse selbst soll es teils extrem schmale Häuser geben, wegen der die Initiative Offene Mitte Berlin in einer Mitteilung nach der Pressekonferenz auf eine geringe Effizienz dieser Gebäude hinwies – und darauf, dass diese Häuschen jedenfalls nicht den Kriterien für förderfähige Wohnungen des Landes Berlin entsprechen. Dies ist ein relevantes Kriterium, da die Wohnungsbaugesellschaft Mitte WBM die Bauherrin sein wird und 50 Prozent der Wohnungen am Molkenmarkt gefördert sein sollen.
Los 2: Ey Henkel, jessenvollenweider und Trutz von Stuckrad Penner
Los 2 mit mehreren Häusern in der schmalen Gasse, eines davon mit einer ebenfalls steinbogengesäumten Dachloggia, entschied das Team der drei Architekturbüros „Ey Henkel“, „jessenvollenweider“ und „Trutz von Stuckrad Penner“ für sich.
Los 3: P/E/P Architekten Stadtplaner, Kleihues Kleihues und Muck Petzet
Bei Los 3, das unter anderem das Eckhaus an der Jüdenstraße und Parochialgasse inklusive Eingang in den Stadtplatz im Inneren von Block A beinhaltete, lobte Antje Freiesleben den Erker, der sowohl zum Stadtplatz hin als auch zur Jüdenstraße vorgesehen ist. Eine „geschickte Geste“, die die Jury „erstaunt“ habe, sagte Freiesleben. Für diesen Siegerentwurf zeichnen die P/E/P Architekten Stadtplaner, Kleihues Kleihues und Muck Petzet verantwortlich.
220 Wohnungen in den Blöcken A und B
Der Süden des Blocks A soll mit Kulturräumen – Theater- und Ausstellungsflächen – gefüllt werden. Deren Gestaltung entschied ein Team der Architekturbüros Lederer Ragnarsdóttir und Baumschlager Eberle Berlin für sich. Freude auch bei der WBM: „Ursprünglich wollten wir in den Blöcken A und B etwa 200 Wohnungen bauen“, sagte Geschäftsführer Lars Dormeyer. „Jetzt steht fest, dass wir hier mindestens 220 Wohnungen bauen werden.“ Möglich geworden ist das durch die gerade im Abgeordnetenhaus verabschiedete Änderung des Bebauungsplans für das Areal.
Für einen Teil von Block B, direkt neben dem Roten Rathaus, gab es bereits einen Architekturwettbewerb mit Ergebnissen im vergangenen November. Die restlichen eineinhalb Blöcke, zwischen dem Molkenmarkt, der Alten Münze und dem Alten und Neuen Stadthaus, wurden im aktuellen Wettbewerb ausgestaltet.
Auftrag an Frankfurter Altstadt-Planer Mäckler
Weil das Baugebiet an einem der Gründungsorte Berlins liegt, der durch Verschwenkung großer Straßen in den vergangenen Jahren wieder mit Häusern bebaubar geworden ist, hatte die Senatsverwaltung den Architekten und Chef-Planer der Frankfurter neuen „Altstadt“, Christoph Mäckler, mit der Ausarbeitung detaillierter Gestaltungsvorgaben beauftragt, bei denen Kritiker allerdings vor Kostensteigerungen warnten. Die Arbeit des Büros Mäckler an den Leitlinien dauerte deutlich länger als zunächst vorgesehen. Das Geld, das das Büro vom Land Berlin für die Ausarbeitung erhielt, verdreifachte sich durch die Verzögerung ungefähr. Dabei war wegen der Verzögerungen sogar der Leistungsumfang eingeschränkt worden: Ursprünglich sollte der Auftrag die Bebauungsleitlinien für alle drei Blöcke des neuen Quartiers beinhalten. Für Block C, neben der Klosterruine, wurde die Erarbeitung der Leitlinien nun aber in diesem Frühjahr separat ausgeschrieben. Wie der Tagesspiegel nun am Rande der Pressekonferenz erfuhr, hat das Büro Mäckler auch in diesem Fall den Zuschlag bekommen. Fertig sein sollen die Leitlinien für Block C bis Ende 2026.
Naturstein: teuer und heiß
245 Millionen Euro will die WBM in die Blöcke A und B investieren. Als Bauherrin hat das Unternehmen auf die Baukosten ein scharfes Auge: „Natürlich ist so ein Stadtentwicklungsprojekt besonders herausfordernd und kostenintensiv“, sagte Geschäftsführer Dormeyer. Die Kosten für die Umsetzung der Wettbewerbssieger lägen nach aktueller Schätzung zwar 17 Prozent über dem Soll, aber: „Das ist für uns ein absolut erwartbarer Wert gewesen.“ Denn nun schließt sich ein sogenanntes Verhandlungsverfahren an, in dessen Verlauf es auch um die Kostensenkung gehen soll: „Bei Materialität und Flächenoptimierung können wir noch entsprechende Kostenoptimierungen durchführen, die das Projekt auch in die Wirtschaftlichkeit bringen.“ Der ein oder andere für die Fassaden vorgesehene Naturstein muss also womöglich doch noch dran glauben.
Vielleicht könnte man ihn ja durch Fassadenbegrünung ersetzen? Während des städtebaulichen Wettbewerbs für den Molkenmarkt hatte es noch geheißen, das neue Quartier am Molkenmarkt solle ein Vorzeigeprojekt für Klimaresilienz werden – auch mit viel Grün. Besonders eindrücklich nach den Erfahrungen der vergangenen Hitzetage ist allerdings: Von kühlendem Grün ist in den Entwürfen durchweg wenig zu sehen, kein Fassadengrün und nur einige wenige bepflanzbare Balkone. Auch die Freiräume zwischen den Häusern sind längst nicht so üppig mit Grün ausgestattet, wie es denkbar wäre.
Das freilich ist nicht den Architektenteams anzulasten: Die Freiraumplanung soll überhaupt erst noch durchgeführt werden. Und die Frage, warum an den Gebäuden selbst so wenig Platz für Grün ist, beantwortete Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt (parteilos, für SPD) vorsichtshalber nicht: Klimafreundlich sei das Quartier doch, weil bei der Gebäudekonstruktion mit nachwachsenden Baustoffen gearbeitet werde und die Gebäude mit wenig Gebäudetechnik auskommen sollen. Außerdem werde es ein modernes Regenwassermanagement geben – und die Erhöhung der Wohnungszahl im Quartier sei ebenfalls ein Beitrag fürs Klima, weil auf derselben Menge versiegelter Fläche nun mehr Wohnungen entstehen könnten.
Ein Architekt aus einem der Siegerteams sagte im Anschluss noch im Gespräch mit dem Tagesspiegel: Die enge Gasse, wie sie jetzt in der Verlängerung der Parochialstraße als „Parochialgasse“ mit nur fünf Metern Breite vorgesehen ist, sei doch der beste Hitzeschutz – schließlich findet die Sonne hier nicht so häufig den direkten Weg zwischen die hier liegenden Häuser. Nur wenn die Gasse erst einmal mit Hitze vollgesogen ist? Dann hält sich im unbegrünten Schacht ganz hervorragend die Hitze.



