Nach dem überraschenden Rücktritt von Berlins Regierendem Bürgermeister Kai Wegner als CDU-Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 reißen die Widersprüche um angebliche Telefonate mit Bundeskanzler Friedrich Merz (beide CDU) während des mehrtägigen Stromausfalls Anfang Januar nicht ab. Die Senatskanzlei in Berlin beharrt darauf, dass Wegner am 4. Januar mit Merz telefoniert habe, während das Kanzleramt dies in einem Schriftsatz an das Verwaltungsgericht Berlin klar verneint.
Senatskanzlei: Telefonat am 4. Januar bestätigt
„Erstens stand der Regierende Bürgermeister bereits am 3. Januar mit dem Bundeskanzleramt im Austausch. Zweitens hat der Regierende Bürgermeister am 4. Januar mit dem Bundeskanzler telefoniert“, teilte die Senatskanzlei auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa mit. Ein Sprecher der Senatskanzlei betonte, man bleibe dabei, dass dieses Gespräch stattgefunden habe, ohne jedoch zu erklären, wie der Widerspruch zu den Angaben des Kanzleramts aufzulösen sei.
Kanzleramt: Kein persönliches Gespräch feststellbar
Der „Tagesspiegel“ hatte am Freitag Gegensätzliches berichtet. Die Zeitung zitiert ein Schreiben aus dem Kanzleramt, in dem es heißt: „In dem Verfahren wird mitgeteilt, dass, soweit feststellbar, der Bundeskanzler während der Dauer des fragegegenständlichen Stromausfalls in Berlin im Januar 2026 kein persönliches Gespräch mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin Wegner geführt hat, weder in Anwesenheit persönlich noch telefonisch.“ Ein Regierungssprecher bestätigte auf dpa-Anfrage diese Informationen aus einem Schriftsatz des Bundeskanzleramts an das Verwaltungsgericht Berlin.
Hintergrund: Eilantrag des „Tagesspiegel“
Der „Tagesspiegel“ hatte Ende Juni einen Eilantrag auf Grundlage des presserechtlichen Auskunftsanspruchs beim Verwaltungsgericht Berlin eingereicht, nachdem das Kanzleramt über Wochen keine näheren Informationen zu entsprechenden Telefonaten geliefert hatte. Die widersprüchlichen Angaben zu den Telefonaten belasteten Wegner monatelang und trugen maßgeblich zu seinem Rückzug als Spitzenkandidat bei.
Wegners Rücktritt am Freitag
Am Freitagnachmittag erklärte Wegner bei einer überraschend anberaumten Pressekonferenz seinen Rückzug als Spitzenkandidat der CDU für die Abgeordnetenhauswahl am 20. September. Als Regierender Bürgermeister will er im Amt bleiben, bis ein Nachfolger im Landesparlament gewählt ist. „Ich habe in der Tat um 8.08 Uhr begonnen, die Telefonate zu führen. Ich habe mit den Krisenstäben telefoniert, mit Stromnetz“, hatte Wegner am 7. Januar im Interview mit Welt TV gesagt.
Chronologie der Widersprüche
Bereits am 5. Januar hatte Wegner in der RBB-„Abendschau“ gesagt: „Gestern habe ich einmal mehr mit dem Bundeskanzler auch gesprochen.“ Mitte Mai korrigierte eine Sprecherin der Bundesregierung frühere Angaben und teilte mit, Wegner und Merz hätten am 3. Januar nicht miteinander telefoniert. Am 17. März hatte ein Sprecher der Bundesregierung zunächst geantwortet, es habe an dem Tag mehrere Gespräche Wegners mit Merz und Kanzleramtsminister Thorsten Frei (CDU) gegeben. Erst am Dienstag veröffentlichte der „Tagesspiegel“ eine Antwort der Senatskanzlei, nach der Wegner anders als zunächst behauptet am Vormittag des 3. Januar noch keine dienstlichen Telefonate zum Stromausfall geführt habe.
Auswirkungen und offene Fragen
Die ungeklärten Widersprüche werfen ein schlechtes Licht auf die Glaubwürdigkeit des Regierenden Bürgermeisters. Die Berliner CDU-Kreischefs hatten sich bereits zu einem Krisengipfel getroffen. Es bleibt abzuwarten, ob die juristische Aufarbeitung durch das Verwaltungsgericht Berlin Klarheit bringen kann. Bis dahin steht die Frage im Raum: Haben Wegner und Merz während des Stromausfalls telefoniert oder nicht?



