Die Berliner Schwarz-Weiß-Zwillinge Leo und Ryan, die vor 18 Jahren weltweit für Aufsehen sorgten, werden heute volljährig. Leo (1,88 Meter) strebt eine Karriere als Basketball-Profi an, während Ryan Busfahrer bei der BVG werden möchte. Die Brüder sind trotz unterschiedlicher Lebenswege eng verbunden geblieben.
Einmalige Geburt: Die Wahrscheinlichkeit lag bei eins zu einer Million
Am 11. Juli 2008 kamen Leo und Ryan im Oskar-Ziethen-Krankenhaus in Berlin-Lichtenberg zur Welt. Die zweieiigen Zwillinge haben unterschiedliche Hautfarben: Leo ist dunkelhäutig, Ryan hellhäutig. Mutter Florence stammt aus Ghana, Vater Stephan aus Deutschland. Mediziner erklärten die Verteilung der Gene mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million. Die Fotos der Neugeborenen gingen innerhalb weniger Stunden um die Welt.
BILD-Reporter Konstantin Marrach, der die Familie seit fast zwei Jahrzehnten begleitet, traf die Brüder zu ihrem 18. Geburtstag. „Als ich die beiden jetzt wiedersehe, grinst Leo. Ryan verdreht die Augen. Ein lockerer Spruch hier, ein schneller Konter dort – und plötzlich ist sie wieder da, diese vertraute Dynamik“, schreibt er.
Verschiedene Wege: Basketball und Busfahren
Leo lebt inzwischen in Halle und spielt als 1,88 Meter großer Flügelspieler Basketball auf höchstem Nachwuchsniveau. Ein Mittelfußbruch warf ihn in der vergangenen Saison monatelang zurück. „Basketball hat weiter Priorität“, sagt er. Gleichzeitig bleibt er realistisch: „Falls es mit der großen Karriere nicht klappen sollte, könnte ich mir auch gut einen sozialen Beruf vorstellen, Menschen zu helfen.“ Seine Mutter Florence arbeitet als Krankenpflegerin und hat ihren Söhnen stets vorgelebt, wie wichtig es ist, für andere da zu sein.
Ryan wohnt noch bei den Eltern in Berlin und besucht eine berufsvorbereitende Schule. Sein Berufswunsch hat sich vom Lokführer zum Busfahrer gewandelt. „Das Schwierigste wird erst einmal sein, überhaupt bei der BVG reinzukommen“, sagt er. In zehn Jahren wünscht er sich einen sicheren Job, den Führerschein, ein Auto und eine eigene Wohnung: „Das wäre schon sehr schön.“
Von der Kindheit bis heute: Ein ständiger Begleiter
Die Brüder wuchsen dreisprachig mit Deutsch, Englisch und Twi, der ghanaischen Muttersprache ihrer Mutter, auf. Schon mit drei Jahren gaben sie ihr erstes Mini-Interview. Ryan erzählte begeistert von Autos und Flugzeugen, Leo wollte lieber Gitarre spielen wie sein Vater. Auf die Frage nach dem Lieblingsessen antwortete Ryan sofort: „Apfel und Banane.“ Leo verzog das Gesicht: „Iih. Ich esse Käse und Eis.“
Mit sechs Jahren konnten sie die Einschulung kaum erwarten. Bis dahin waren sie praktisch nie voneinander getrennt, oft schliefen sie sogar in einem Bett. Florence erzählte damals, Leo habe seinen Bruder schon im Mutterleib immer wieder in den Arm genommen. Mit sieben wurden Leo und Ryan sogar Teil des Unterrichts: In einem Biologiebuch wurde ihre Geschichte im Kapitel Genetik erklärt. Millionen Schüler lernten mit ihrem Foto, wie Vererbung funktionieren kann. Die Brüder selbst fanden das vor allem ziemlich lustig.
Teenagerjahre: Unterschiedliche Schulen, aber unzertrennlich
Mit 13 Jahren waren aus den kleinen Jungs Teenager geworden. Leo sagte damals: „Ich wäre gern Profi-Basketballer.“ Ryan antwortete: „Ich will Lokführer werden. Hauptsache, wir finden mal etwas, das uns Spaß macht.“ Die beiden gingen inzwischen auf unterschiedliche Schulen, weil sich keine fand, die beide aufnehmen konnte. Trotzdem blieben sie unzertrennlich.
Heute liegen fast 170 Kilometer zwischen ihren Wohnorten, doch sie telefonieren regelmäßig. Zum 18. Geburtstag wollen sie zunächst gemeinsam in der Hauptstadt feiern und im Park grillen, ehe später jeder mit seinem eigenen Freundeskreis loszieht. „Wir sind älter geworden“, sagt Leo. „Aber wir sind trotzdem noch dicke.“ Ryan nickt sofort: „Ja, auf jeden Fall.“
Ein persönlicher Bezug des Reporters
Die Geschichte bekam für Reporter Konstantin Marrach eine besondere Bedeutung: Im Dezember 2017 wurde er selbst Vater von Zwillingen – zwei Mädchen. „Ich weiß inzwischen aus eigener Erfahrung, wie eng dieses besondere Band zwischen Zwillingen sein kann“, sagt er. Zum Abschied neckten sich die Brüder noch immer wie früher. „Vor 18 Jahren schrieb ich über zwei Babys, die wegen ihrer unterschiedlichen Hautfarbe weltweit Schlagzeilen machten. Heute schreibe ich über zwei junge Männer, deren Hautfarbe eigentlich keine Rolle mehr spielt. Was geblieben ist, ist etwas viel Wichtigeres: Trotz aller Unterschiede sind aus ihnen zwei junge Männer geworden, die ihren eigenen Weg gehen – und dabei doch unzertrennliche Zwillinge geblieben sind.“



