In Nürnberg leben die meisten Menschen mit Adipositas in Bayern. Das geht aus dem aktuellen Gesundheitsreport der Barmer Krankenkasse hervor, der am Dienstag veröffentlicht wurde. Demnach sind in der Frankenmetropole 23,1 Prozent der erwachsenen Bevölkerung stark übergewichtig.
Bayernweiter Vergleich: Nürnberg vor Augsburg und Hof
Damit liegt Nürnberg deutlich über dem bayerischen Durchschnitt von 18,7 Prozent. Auch andere bayerische Städte weisen hohe Raten auf: In Augsburg sind 22,4 Prozent der Erwachsenen von Adipositas betroffen, in Hof 22,1 Prozent. Am niedrigsten ist die Quote im Landkreis Eichstätt mit 14,5 Prozent.
Die Barmer-Krankenkasse hat für den Report die Daten von rund 1,7 Millionen Versicherten in Bayern ausgewertet. Adipositas, also starkes Übergewicht mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 oder mehr, gilt als Risikofaktor für zahlreiche Folgeerkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Gelenkprobleme.
Ursachen: Lebensstil und soziale Faktoren
Die Unterschiede zwischen den Regionen erklärt die Barmer unter anderem mit dem Lebensstil und sozioökonomischen Faktoren. „Adipositas ist keine Frage des fehlenden Willens, sondern hängt stark von Umweltfaktoren und sozialer Lage ab“, sagt Stefanie Stoff-Ahnis, Landesgeschäftsführerin der Barmer in Bayern. In städtischen Gebieten mit höherer Arbeitslosigkeit und geringerem Einkommen sei die Quote tendenziell höher.
Zudem spiele Bewegungsmangel eine Rolle: In Großstädten wie Nürnberg verbringen viele Menschen viel Zeit im Sitzen, etwa im Büro oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. Gleichzeitig fehle es oft an kostengünstigen Angeboten für gesunde Ernährung und Sport.
Folgen für das Gesundheitssystem
Adipositas verursacht hohe Kosten im Gesundheitswesen. Laut Barmer entfallen in Bayern jährlich rund 2,3 Milliarden Euro auf die Behandlung von Folgeerkrankungen. „Diese Ausgaben ließen sich durch Prävention deutlich reduzieren“, betont Stoff-Ahnis. Die Kasse fordert daher ein stärkeres Engagement von Politik und Gesellschaft, etwa durch Bewegungsprogramme in Schulen und Betrieben oder eine höhere Besteuerung von Zucker.
Präventionsmaßnahmen: Was bereits getan wird
In Nürnberg gibt es bereits verschiedene Initiativen gegen Übergewicht. So bietet die Stadt in Zusammenarbeit mit Krankenkassen kostenlose Bewegungs- und Ernährungskurse an. Auch die „Gesunde-Stadt“-Projekte setzen auf Aufklärung und niedrigschwellige Angebote. Dennoch reichen diese Maßnahmen laut Barmer nicht aus, um den Trend umzukehren.
Die Kasse verweist auf erfolgreiche Modelle aus dem Ausland, etwa in Finnland, wo durch frühzeitige Interventionen bei Kindern die Adipositasrate gesenkt werden konnte. „Wir brauchen eine langfristige Strategie, die alle Lebensbereiche einbezieht“, so Stoff-Ahnis.
Reaktionen aus der Politik
Die bayerische Staatsregierung hat das Thema Adipositas auf der Agenda. Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU) kündigte an, die Präventionsangebote im Freistaat auszubauen. „Jeder Euro, den wir in Prävention investieren, spart langfristig hohe Behandlungskosten“, sagte sie. Konkrete Maßnahmen sollen bis Jahresende vorgestellt werden.
Die Opposition fordert hingegen mehr Tempo. Die SPD-Gesundheitsexpertin Ruth Müller nannte die Zahlen „alarmierend“ und verlangte ein Sofortprogramm für betroffene Kommunen. Auch die Grünen sehen Handlungsbedarf und schlagen eine Zuckersteuer vor.
Was Betroffene selbst tun können
Die Barmer empfiehlt Menschen mit Adipositas, sich ärztlich beraten zu lassen und an strukturierten Programmen teilzunehmen. Dazu gehören Ernährungsberatung, Bewegungstherapie und psychologische Unterstützung. „Adipositas ist eine chronische Erkrankung, die nicht mit Diäten allein zu behandeln ist“, erklärt Stoff-Ahnis. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten für zertifizierte Angebote.
In Nürnberg gibt es mehrere zertifizierte Adipositas-Zentren, die interdisziplinär arbeiten. Diese bieten von der Diagnostik bis zur Operation alle Optionen an. „Entscheidend ist, dass Betroffene frühzeitig Hilfe suchen und nicht den Mut verlieren“, so die Expertin.
Ausblick: Forschung und neue Therapien
Die medizinische Forschung arbeitet an neuen Ansätzen gegen Adipositas. Neben Medikamenten wie Semaglutid, die das Hungergefühl reduzieren, werden auch digitale Anwendungen erprobt. Die Barmer testet derzeit eine App, die Patienten mit individuellen Coaching-Angeboten unterstützt. Erste Ergebnisse seien vielversprechend, heißt es.
Bis jedoch flächendeckende Erfolge sichtbar werden, dürfte es Jahre dauern. Bis dahin bleibt Nürnberg das Zentrum der Adipositas in Bayern – ein Titel, den sich die Stadt nicht gewünscht hat.



