Arbeiterkind wird Top-Managerin: Hückmann hilft Aufsteigern
Arbeiterkind wird Top-Managerin: Hückmann hilft Aufsteigern

Berlin – „Ich habe es trotz des Systems geschafft, nicht wegen.“ Sabine Hückmann spricht diesen Satz nicht mit Bitterkeit aus, sondern mit einer Mischung aus Stolz und Nüchternheit. Sie weiß, wie viele Hindernisse vor ihr lagen. Als erste in ihrer Familie überhaupt nahm sie ein Studium auf. Heute verantwortet sie als Senior Partnerin bei der Kommunikationsagentur fischerAppelt anspruchsvolle Kundenprojekte – ein Posten, den sich viele erträumen. Doch der Weg dorthin war nicht nur eine Frage des Könnens, sondern auch des Überwindens struktureller Barrieren.

Die Funke Mediengruppe hat Hückmann in einem Porträt vorgestellt, das am 1. August 2026 veröffentlicht wurde. Die Journalistin Roya Hedayati zeichnet darin ein Bild einer Frau, die ihre Herkunft nicht verleugnet und sie zugleich an die nächste Generation weitergeben will. Genau dafür hat sie das Netzwerk Elevate mitgegründet. Es richtet sich an Aufsteigerinnen und Aufsteiger – Menschen, die als Erste in ihrer Familie studieren, die ohne wohlhabende Eltern und etablierte Kontakte ihren Weg gehen.

Ein steiniger Weg nach oben

Wer als Arbeiterkind ins Studium startet, betritt oft Neuland. Es fehlen Eltern, die die Struktur einer Universität erklären können. Es fehlen Freundinnen und Freunde, die bereits wissen, wie man sich in Seminaren meldet, Praktika akquiriert oder Kontakte knüpft. Sabine Hückmann hat diese Defizite erlebt und sie ausgeglichen – durch Ehrgeiz, Neugier und die Bereitschaft, Risiken einzugehen.

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Der Begriff „Arbeiterkind“ ist in Deutschland keine statistische Kategorie, sondern eine biografische Erfahrung. Er steht für Elternhäuser, in denen Bücher, aber nicht unbedingt Hochschulen zum Alltag gehören. Hückmann kennt beide Welten. Sie hat im akademischen Betrieb Fuß gefasst, ohne die sprachlichen und sozialen Codes von Anfang an zu beherrschen. Dass sie heute als Senior Partnerin arbeitet, ist alles andere als selbstverständlich.

Heute könnte sie sich bequem zurücklehnen. Doch sie sieht es als ihre Aufgabe, anderen den Weg zu ebnen. „Ich habe es trotz des Systems geschafft, nicht wegen“, sagt sie. Dieser Satz ist für sie keine Klage, sondern ein Auftrag: Sie will dazu beitragen, dass das System für andere nicht mehr so schwer zu durchdringen ist.

Elevate: Mehr als ein Karrierenetzwerk

Elevate ist ein Netzwerk, das speziell Menschen mit Aufstiegsbiografie zusammenhält. Dabei geht es nicht nur um Karrieretipps, sondern um einen Raum, in dem man über die Unsicherheiten sprechen kann, die viele Aufsteiger begleiten. Im persönlichen Austausch, bei Veranstaltungen und durch gemeinsame Vorbilder können die Mitglieder ein Stück Orientierung gewinnen, das viele andere wie selbstverständlich von zu Hause mitbekommen.

Als Gründungsmitglied bringt Sabine Hückmann ihre eigene Erfahrung ein. Sie weiß, dass aus einem geförderten Talent mehr wird, wenn es auch auf ein förderndes Umfeld trifft. Genau dieses Umfeld will Elevate für diejenigen schaffen, die sonst allein gelassen würden. Der Fokus liegt auf der gemeinsamen Stärke: Wer selbst Hindernisse überwunden hat, kann anderen genau dabei helfen.

In einem Punkt ist sich Hückmann sicher: Der Aufstieg gehört in Deutschland weiterhin zu den großen Ungleichheitsfaktoren. Wer in einem bildungsfernen Haushalt aufwächst, hat es messbar schwerer – selbst bei gleicher Begabung. Diese Erfahrung teilen viele Mitglieder von Elevate. Sie eint nicht nur der Erfolg, sondern auch das Wissen um die Mühen, die vor dem Erfolg liegen.

Was sich in der Gesellschaft ändern muss

Hückmann verweist darauf, dass soziale Herkunft in Deutschland immer noch stark darüber entscheidet, ob jemand die Chance auf einen akademischen oder beruflichen Aufstieg erhält. Diese Ungleichheit sei kein individuelles Schicksal, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung. Unternehmen und Hochschulen seien gefragt, ihre eigenen Prozesse zu hinterfragen. Wer einstellt, solle weniger auf Äußerlichkeiten und vermeintliche Passung achten, sondern mehr auf Talent und Motivation.

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Auch Bildungseinrichtungen sieht sie in der Pflicht. Sie sollten sich verstärkt um diejenigen kümmern, bei denen zu Hause niemand bei Hausaufgaben helfen kann oder die im Studium die ersten in der Familie auf dem Campus sind. Es brauche niedrigschwellige Angebote, Mentoring-Programme und eine Kultur, die Diversität nicht nur in Bezug auf Herkunft oder Geschlecht betrachtet, sondern auch mit Blick auf soziale Aufstiege.

Dabei gehe es nicht um Abschläge für bestimmte Gruppen, sondern um faire Startbedingungen. Hückmann betont, dass der Aufstieg durch eigene Leistung auch in Zukunft eine zentrale Rolle spielen muss. Aber Leistung allein reiche nicht, wenn Chancen ungleich verteilt sind. Unternehmen, die Talente unabhängig von ihrer Herkunft suchen, würden am Ende selbst profitieren.

Ein Appell an die nächste Generation

Trotz aller strukturellen Hürden bleibt Sabine Hückmann optimistisch. Sie richtet sich direkt an junge Menschen, die wie sie aus Nichtakademikerfamilien kommen: Sie sollten sich nicht entmutigen lassen, Rückschläge als Teil des Weges akzeptieren und mutig Unterstützung suchen. Netzwerke wie Elevate können dabei helfen – aber am Ende sei es die eigene Beharrlichkeit, die zähle.

Ihr Beispiel zeigt, dass ein Aufstieg möglich ist. Die Zahl derer, die dies schaffen, ist jedoch noch zu klein, finden Hückmann und ihre Mitstreiter. Ihr Engagement ist deshalb ein Weckruf: Chancengerechtigkeit darf nicht vom Zufall abhängen. „Ich habe es trotz des Systems geschafft, nicht wegen“, wiederholt sie – und fügt hinzu: „Genau deshalb will ich das System ändern.“