Julia Ruhs: Ausbeutung von Frauen wird als Empowerment getarnt
Ausbeutung als Empowerment getarnt – Julia Ruhs' Kritik

Die neue Masche: Ausbeutung als Selbstbestimmung

Plötzlich ist Leihmutterschaft keine Ausbeutung von Frauen mehr, sondern ein Akt der Selbstbestimmung. Auf diese Art kann man vieles hübsch verkaufen: das Kopftuch, die Vollverschleierung, die Prostitution. Diese Sicht auf die Welt ist vor allem eines – wohlstandsverwöhnt. Ich habe mich in den letzten Tagen gefragt, ob der Feminismus zu wohlstandsverwöhnt geworden ist und vergessen hat, für wen er da sein sollte: für alle Frauen, nicht nur für die Super-Privilegierten.

Leihmutterschaft: Freiwilligkeit oder Druck?

Beim Thema Leihmutterschaft meldete sich Frauke Brosius-Gersdorf zu Wort, die knapp verhinderte Bundesverfassungsrichterin. Sie ist überzeugte „My body, my choice“-Verfechterin. Ginge es nach ihr, wäre Leihmutterschaft erlaubt – wenn die Frau es „gut informiert, freiwillig und als autonome Entscheidung“ tue. Ein Verbot sei übergriffige staatliche Bevormundung. Ich frage mich, wie viele das wohl sein werden: Frauen, die völlig selbstbestimmt ein Kind für jemand anderen austragen, ohne das Geld zwingend zu brauchen. Normalerweise ist man auf der progressiven Seite ja für jedes winzige Mikro-Privileg empfindlich, steht unverbrüchlich an der Seite der Unterdrückten. Nur hier argumentiert man plötzlich von oben herab aus dem Elfenbeinturm – für einen kleinen privilegierten Bruchteil will man ein Verbot aufweichen, das eine große Mehrheit vor Menschenhandel schützt.

Kopftuch und Prostitution: Feminismus für Privilegierte?

Zumutungen für Frauen werden heutzutage gern als Selbstbestimmung deklariert. Das Kopftuch ist ein wunderbares Beispiel: Es gilt als antiquiert zu glauben, Frauen würden es aus Zwang tragen. Nein, sie tragen es aus Stolz – Kopftuch ist Empowerment! „Modest fashion“ sei ein erfolgreicher Modetrend, Frauen entscheiden sich ganz selbstbestimmt für die Verschleierung. Wer darin noch ein Symbol islamisch-patriarchaler Strukturen sieht, gilt als arrogant und kolonialistisch. Dass das Kopftuch in vielen Ländern genau das ist – was soll‘s. Bei uns ist Kopftuch Freiheit!

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Ähnlich faszinierend ist die Logik bei der Prostitution. Grüne und SPD bescherten uns eines der liberalsten Gesetze Europas. Deutschland mauserte sich zum Puff des Kontinents. Weil im Rotlichtmilieu alles völlig selbstbestimmt abläuft, spricht man von „Sexarbeiterinnen“. Die neue Sprachregelung macht den Job bestimmt gleich viel erträglicher. Aus Interesse habe ich nachgeschaut: Über 80 Prozent der Prostituierten haben keinen deutschen Pass. Viele stammen aus Rumänien, seit ein paar Jahren sind es besonders viele Ukrainerinnen. Wenn eine Nationalität überproportional auftaucht, liegt meist etwas im Argen. Diese Zahlen schreien nach einem Missstand – aber man soll ja nicht auf Nationalitäten schauen.

Das trojanische Pferd der Selbstbestimmung

Heute läuft Ausbeutung von Frauen raffinierter als früher: als trojanisches Pferd der Selbstbestimmung. Man tut so, als meine man es besonders gut mit den Frauen, die ganz freiwillig darauf hereinfallen. Im Inneren lauert der fiese Eroberungsplan. Besonders ausgefuchst ist die „altruistische“ Leihmutterschaft: kein großes Geld, nur Aufwandsentschädigung. Man spendet praktisch ein Baby für die Cousine, die Freundin, einen männlichen Freund. Wer erwartet, dass Frauen aus reiner Güte Kinder austragen, hält weibliche Selbstaufopferung für unerschöpflich. Woher weiß man, dass kein familiärer Druck dahintersteckt? Dass nicht doch Geld unter der Hand fließt? Wie überprüft man überhaupt Freiwilligkeit?

Der Milliardenmarkt der Zukunft

Wer glaubt, die Zukunft der Leihmutterschaft liege bei schwulen Paaren wie Jens Spahn, irrt. Der Markt ist unersättlich: Single-Männer, ältere Karriere-Frauen mit 60, die ein Kind wollen, und Frauen, die ihr Kind nicht selbst austragen möchten – Paris Hilton erklärte, „der körperliche Teil“ einer Schwangerschaft bereite ihr Angst. Die Liste prominenter Beispiele ist lang. Wenn Ausbeutung modern klingt: Warum nicht das Machtgefälle der Welt schamlos ausnutzen? Statt sich Anfang 20 sterilisieren zu lassen, wäre Gebärfreudigkeit der neue Hit. Als Studenten-Job ließe sich damit gut Geld verdienen – ein, zwei Schwangerschaften und die Immobilie ist finanziert. Der Gender Pay Gap würde dahinschmelzen.

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Die Grenzen der Selbstbestimmung

Wenn alle so heiß auf absolute Selbstbestimmung sind, warum nicht gleich den Organhandel liberalisieren? Wer Geld braucht, verkauft seine zweite Niere. Warum noch Blut spenden, wenn man es auch verticken kann? Oder selbstbestimmte Menschenversuche? Oder freiwillige Sklaverei auf Zeit? Der Selbstausbeutung sind dann keine Grenzen mehr gesetzt. Mittelalterliche Zustände kann man auch ganz modern verkaufen. Am Ende geht es nicht um Freiheit, sondern darum, dass diejenigen, die ohnehin privilegiert sind, sich alles schönreden – auf Kosten der Schwächsten.