Beim Festakt zum 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele hat Festspiel-Leiterin Katharina Wagner eine klare Absage an den gesellschaftlichen Rechtsruck erteilt. „Es geht darum, hier Nein zu sagen gegen Rassismus, Antisemitismus, Chauvinismus und eine Verharmlosung der Geschichte“, erklärte die Urenkelin des Komponisten Richard Wagner. Sie betonte die „sehr persönliche Verknüpfung“ ihrer Familie mit dem NS-Regime unter Adolf Hitler, der einst regelmäßiger Gast auf dem Grünen Hügel war.
Historische Verantwortung und Erinnerungskultur
Katharina Wagner unterstrich, dass die Festspiele „nie losgelöst von ihrer Zeit“ gewesen seien. Das Jubiläum sei daher „weit mehr als ein Anlass, zu feiern“. Ziel müsse sein, „die Tradition ernst zu nehmen, ohne sie zu verklären“ – „damit die Zukunft nicht erneut in der Finsternis der Vergangenheit endet“. Die Festspiele haben eine dunkle Historie: Richard Wagner selbst verfasste antisemitische Schriften, und später waren die Festspiele eng mit nationalsozialistischem Gedankengut verflochten. Hitlers Besuche in Bayreuth sind ebenso dokumentiert wie die Verehrung von Katharina Wagners Großmutter Winifred Wagner, die die Festspiele in jener Zeit leitete.
Der jüdische Publizist Michel Friedman, der als Festredner bei der Gedenkveranstaltung „Verstummte Stimmen“ für verfolgte und ermordete jüdische Musiker auftrat, würdigte den Kurswechsel. Er sprach von einem Paradigmenwechsel auf dem Grünen Hügel: „Katharina Wagner verändert gerade die Erinnerungskultur von Bayreuth“. Mit Blick auf den Komponisten sagte Friedman: „Heute hab ich das Wort und der Antisemit Richard Wagner muss zuhören.“
Friedman: „Wir sind mittendrin“
Friedman erinnerte daran, dass nach dem Krieg die Brüder Wieland und Wolfgang Wagner die Festspiele 1951 wiedereröffneten und die Gäste baten, „von Gesprächen und Debatten politischer Art freundlich absehen zu wollen“. Die Festspiele hätten jahrelang zu wenig getan, um die eigene Geschichte aufzuarbeiten – und auch Medien und Politik hätten lieber den Musikgenuss zelebriert. Er sprach von der „Hoffnung, dass man die braune Erde darunter nicht sieht“.
Aktuell warnte Friedman vor dem Rechtsruck, insbesondere mit Blick auf Sachsen-Anhalt, wo die AfD rund sechs Wochen vor der Landtagswahl laut Umfragen auf mehr als 40 Prozent kommt. „Wir haben den Anfängen nicht genug gewehrt, sondern sind mittendrin“, sagte er. Er appellierte an die Bürger, demokratisch zu wählen: „Sie müssen demokratisch wählen, damit sich morgen noch entspannt nörgeln können.“
Persönliche Betroffenheit und Appell für Demokratie
Friedman, aus dessen Familie 50 Menschen von den Nationalsozialisten ermordet wurden, betonte, dass Hass auf Juden, Muslime, Frauen oder Homosexuelle Hass auf Menschen sei. „Die Diktatur verachtet den Menschen nicht, sie sieht ihn nicht einmal“, sagte er. Er rief dazu auf, „das bessere Produkt“ Demokratie zu bewerben.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (CDU) nannte Friedmans Rede „historisch“. Er habe „den Finger in die Wunde der Erinnerungspolitik gelegt“ und eine „große Versöhnungsgeste“ gelebt. Auch Katharina Wagner habe die Erinnerungspolitik neu definiert.
Bundeskanzler Merz und Bayerns Kunstminister loben Kurs
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte am Vortag in seinem Grußwort an die dunkle Seite der Festspielgeschichte erinnert und Thomas Mann zitiert: „Genießen, aber nicht ohne Misstrauen“. Canceln sei keine Lösung, sondern eine kritische Auseinandersetzung, wie sie in Bayreuth geschehe: „Spät, aber es ist geschehen.“
Bayerns Kunstminister Markus Blume (CSU) sagte: „Dieses neue Gesicht, das Bayreuth mit diesen Festspielen zeigt, kann weit über den Grünen Hügel hinaus Vorbild sein für vieles andere bei uns im Land.“



