Bill Murray in Berlin: Ein Weltstar krakeelt in der Philharmonie
Bill Murray: Weltstar krakeelt in der Philharmonie Berlin

In Berlin war Bill Murray einmal nicht als Filmstar zu erleben, sondern als Rezitator – und Sänger. Vor allem aber als Clown. Von Peter Zander, Kultur-Redakteur, 18.06.2026, 09:41 Uhr.

Ein Weltstar in der Philharmonie

Es soll ja Leute geben, die behaupten, Bill Murray sei kein Schauspieler, nur ein Gesichtsvermieter. Das freilich ist auch eine Kunst. Denn je nach Genre kann sein Mimik-Minimalismus rasend komisch, aber auch tieftragisch sein. In Berlin konnte man den großen Stoiker nun von einer anderen Seite erleben – nicht bei einer Filmpremiere, sondern in der Philharmonie. Dort trat er am Mittwochabend mit einem Konzerttrio auf, mal als das vierte Rad am Wagen, mal aber auch als der Motor. Dabei witzelt, tänzelt und scharwenzelt er. Und singt. Auch wenn er das, Achtung Spoiler, nicht immer kann.

Der Filmstar kann nicht groß singen – aber er tut es trotzdem

Der Weltstar füllt den Großen Saal des Hauses nicht. Ganze Blöcke bleiben leer – ein Trend, den auch andere Musentempel konstatieren: In der Krise sitzt das Geld für Kultur nicht mehr so locker. Am Vorabend fuhr Murray noch persönlich beim RBB vor, um der Stadt zu zeigen, dass er hier ist. Die Fans, die gekommen sind, müssen indes ungewöhnlich lange warten. Klassik-Dirigenten sind da pünktlicher. Unruhe breitet sich aus. Zürnt der 75-Jährige ob des geringen Zuspruchs? Will er lieber Fußball gucken? Oder hat er sich einfach in den verwinkelten Gängen der Philharmonie verlaufen? Dann endlich kommt Murray. Allein. Guckt lässig in den Saal. Und geht wieder. Also doch verstimmt? Später kehrt er zurück, Arm in Arm mit der Violinistin Mira Wang und der Pianistin Vanessa Perez. Als Hahn im Korb, was er sichtlich genießt. Als Letzter kommt der Cellist Jan Vogler hinzu.

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Sie nennen sich The New Worlds, oder schlicht Billy Murray, Jan Vogler & Friends. Als solche wagen sie einen musischen Spagat: die Verschmelzung von Literatur und Musik. Murray rezitiert Walt Whitman, Ernest Hemingway, Mark Twain – ein American Textbook, wenn man so will. Das Trio spielt dazwischen Bach, Saint-Saëns, aber auch Piazzolla. Beides passiert auch mal im Zusammenspiel, etwa Schubert zu James Fenimore Cooper – beide waren schließlich Naturliebhaber. Ein Abend, der Grenzen überwinden soll: zwischen Genres, zwischen Kulturen und Ausdrucksformen, vor allem zwischen E und U.

Seinen Fans könnte Murray auch das Telefonbuch vorlesen

Der Hollywoodstar und der deutsche Cellist haben sich vor Jahren auf dem Flughafen Tegel kennengelernt. Während eines Langstreckenflugs reifte dann die Idee zu diesem Projekt. Seither touren sie immer mal wieder zusammen, in der Carnegie Hall, im Wiener Konzerthaus, in der Sydney Opera. Auch in der Philharmonie machten sie 2018 schon einmal Station. Inzwischen gibt es auch eine CD von ihnen, sogar einen Konzertfilm, „The Cradles of Civilization“, der 2021 in Cannes Premiere hatte. Aber am schönsten ist es doch, einen Weltstar live zu erleben. Nicht jeder ist des Englischen ganz mächtig – eine ältere Dame in Block B gibt das unumwunden zu. Aber der Mann könnte ihr wohl auch das Telefonbuch vorlesen. Das Handyverbot des Hauses wird schamlos ignoriert: Immer feste draufhalten auf den Star.

Er steht anfangs ganz links, mit deutlichem Abstand zu den Musikern, die tapfer spielen, auch wenn sie wissen, dass keiner wegen ihnen gekommen ist. Sondern wegen dem Mann, der ganz in Schwarz gekleidet ist, bis auf ein quietschbuntes Hemd, das man unter seinem Jackett erahnen kann. Wenn Murray nicht rezitiert, lümmelt er sich auf einen Barhocker und lauscht. Oder setzt sich hinter den Flügel, wo man ihn nicht sehen kann. Ein Diener der Kunst, der nicht ablenken will – ein sympathischer Zug. Bei dem Komiker erwartet man aber irgendwie, dass er auch mal in den Flügel klettert. Das tut er nicht. Immerhin zaubert er mal einen Drink aus dem Saitenkasten und teilt ihn mit den Musikern.

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Der Abend zündet nicht gleich – aber dann kommt Gershwin

Der Jazzklassiker „It Ain’t Necessarily So“ von Gershwin bringt die Wende. Bill Murray schnipst dazu. Und dann singt er. Und animiert das Publikum, mit einzustimmen. Das klappt nicht auf Anhieb und nur nach freundlichem Zwang. Er rüttelt dafür am Dirigentengeländer, flitzt herab in die erste Reihe: „Hey, ich dachte, wir sind in Berlin.“ Und so wird noch eine Brücke überwunden, die zwischen denen im Saal und denen auf der Bühne. Auch letztere werden lockerer.

Murray mischt sich mal unter die Musiker, schnuppert an der Violinistin, entführt sie bei einem Tango und wagt ein Tänzchen mit ihr – sehr zur Gaudi des Publikums. Murray rezitiert jetzt kaum noch. Er singt. Auch wenn er nicht jeden Ton trifft und Höhen weiträumig umschifft. Und das auf einer Bühne, auf der sonst Opernstars stehen! Das ist schon gewagt. Aber er röhrt, was die Kehle hergibt, und macht den Rest wett mit Augenzwinkern, Grimassen und Stand-Up-Comedy.

Ein Medley zu „West Side Story“ wird zum Statement gegen Trump

Der Höhepunkt wird ein Medley aus Bernsteins „West Side Story“. Erst singt Murray „Somewhere“ wie eine Sehnsucht auf ein anderes, besseres Amerika. Dann wieder ein ironischer Bruch: Er verschwindet kurz und kommt zu „I Feel Pretty“ zurück mit quietschbuntem Jackett, in dem er mit gespielter Eitelkeit posiert. „I Want to Be in America“ wird dann wieder zu einem Statement: die Hymne der Immigranten als klare Ansage gegen Trumps rigide ICE-Politik. Den Song hat Murray auch schon 2018 gesungen, in Trumps erster Amtszeit. In der zweiten ist das noch dringlicher geworden.

Am Ende stellt der Star auch seine Musiker vor: Wang aus China, Vogler aus Ost-Berlin, Perez aus Venezuela. „Alles Kommunisten“, wie Murray frotzelt. Wer in Washington nicht auf Linie der Regierung ist, wird als Linker und Kommunist verunglimpft. Murray hält dagegen – auch hier nur mit stoischem Minimalismus gegen das Getöse eines Präsidenten. „New Worlds“: Das ist mehr als ein Titel, das ist eine Botschaft.

Zugaben und Rosenregen

So lange der Star seine Fans hat warten lassen, am Ende lässt er sie kaum gehen – das ist sehr unamerikanisch. Noch eine und noch eine Zugabe. Er blättert dabei durch sein dickes Notenbuch: Es gäbe noch viele Lieder. Und das Hotelzimmer haben sie erst ab elf. Zur letzten Zugabe kommt auch Vogler mit neuem Frack, Murray-gleich im schrillen Papageienlook. Zwei schräge Vögel. Aber vor allem der eine wird frenetisch gefeiert. Und dann lässt er’s rote Rosen regnen: Mit dem Strauß, den man ihm überreicht, stolziert Murray durchs Publikum und wirft, wieder ganz stoisch wie ein Clown, Blume um Blume unter die Zuschauerinnen. Manche reißen sich darum. Eine Dame wirft aber auch zurück – und trifft Murrays Humorzentrum am besten.