Brasiliens neues Gesetz gegen Vikarizid: Einzigartig weltweit
Brasiliens Gesetz gegen Vikarizid: Einzigartig

Seit März 2026 hat Brasilien einen Straftatbestand, den es weltweit kein zweites Mal gibt: den Vikarizid – den Mord an einer Person, die einer Frau nahesteht, mit dem Ziel, dieser Frau Leid zuzufügen. Ein Kriminologe betont, dass solche Taten auch in Deutschland vorkommen.

Der Fall Carla: Ein Muttertag wird zur Tragödie

Es passierte ausgerechnet am Muttertag, dem 9. Mai 2026. In der kleinen Gemeinde Garruchos im Südwesten Brasiliens ertönten gegen 7 Uhr morgens Sirenen. Die Feuerwehr rückte zu einem niedergebrannten Wohnhaus aus. In den Trümmern eines Zimmers fanden die Einsatzkräfte ein Bett, eine Gasflasche und eine verkohlte Leiche. Es war die 15-jährige Carla – getötet von ihrem Stiefvater.

Die Mutter spricht: „Ich vermisse Carla jede Minute“

Greice Siqueira, Carlas Mutter, ist noch immer fassungslos. In einem Telefonat mit dem Tagesspiegel beschrieb sie die schlimmsten Stunden ihres Lebens. Der Mörder ist ihr Ex-Mann. „Als die Polizei mich anrief und sagte, dass eine Leiche im Haus liegt, habe ich gebetet, dass es seine ist“, sagt sie. Ihre Tochter Carla lebte seit ihrem fünften Lebensjahr mit Siqueiras Ex-Mann zusammen. „Zu mir war er gewalttätig, aber nicht zu den Kindern“, erzählt die Brasilianerin. „Sie nannte ihn Vater, er nannte sie Tochter. Bis jetzt geht es nicht in meinen Kopf rein, dass er sie getötet hat.“

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Was ist Vikarizid?

Der Begriff Vikarizid leitet sich vom lateinischen „vicarius“ (Stellvertreter) ab. Gemeint ist die Tötung einer Person, die der eigentlichen Zielperson nahesteht – etwa eines Kindes, eines neuen Partners oder eines Familienmitglieds. Der Täter will damit der Frau maximalen Schmerz zufügen. In Brasilien wurde dieser Tatbestand im März 2026 ins Strafgesetzbuch aufgenommen, nach jahrelanger Kampagne von Frauenrechtsorganisationen.

Einzigartig in der Welt

Bislang ist Brasilien das einzige Land, das Vikarizid als eigenständigen Straftatbestand führt. „In Deutschland werden solche Taten ebenfalls begangen, aber sie werden als Mord oder Totschlag eingeordnet“, erklärt ein Kriminologe. Die spezifische Benennung soll die besondere Heimtücke und die geschlechtsspezifische Komponente hervorheben. In Brasilien drohen bei Vikarizid deutlich höhere Strafen als bei einfachem Mord.

Hintergrund: Gewalt gegen Frauen in Brasilien

Brasilien hat eine der höchsten Raten von Femiziden weltweit. Laut offiziellen Statistiken werden täglich durchschnittlich vier Frauen aufgrund ihres Geschlechts getötet. Das neue Gesetz ist Teil einer umfassenderen Strategie, geschlechtsspezifische Gewalt zu bekämpfen. Vikarizid wird als besonders verwerflich angesehen, da der Täter bewusst die engsten Bindungen des Opfers nutzt, um maximale Zerstörung anzurichten.

Im Fall von Carla hatte der Stiefvater offenbar geplant, die Mutter durch den Tod der Tochter zu quälen. Greice Siqueira lebt nun mit der permanenten Trauer: „Ich vermisse Carla jede Minute. Jeden Tag denke ich an sie.“ Die Justiz ermittelt wegen Vikarizids – ein Verfahren, das erst durch das neue Gesetz möglich wurde.

Auswirkungen und Kritik

Frauenrechtsaktivistinnen begrüßen das Gesetz, fordern aber zugleich bessere Prävention und Schutzmaßnahmen. „Ein Straftatbestand allein rettet keine Leben“, sagt eine Sprecherin der Organisation „Instituto Maria da Penha“. „Es braucht mehr Notrufnummern, Schutzwohnungen und Aufklärungsarbeit.“ Kritiker bemängeln, dass die Definition von Vikarizid zu weit gefasst sein könnte und zu Fehlurteilen führen könnte. Dennoch gilt das Gesetz international als wegweisend.

Lehren für Deutschland?

Der Kriminologe weist darauf hin, dass auch in Deutschland Morde an Partnerinnen oder deren Angehörigen häufig vorkommen. „Die Einführung eines eigenen Tatbestands könnte die Sensibilität für das Muster erhöhen“, sagt er. Bisher werden solche Taten meist als Beziehungstaten abgetan. Das brasilianische Gesetz könnte als Vorbild dienen – nicht nur für lateinamerikanische Länder, sondern auch für Europa.

Greice Siqueira hofft, dass aus Carlas Tod etwas Gutes erwächst: „Wenn mein Schmerz dazu beiträgt, andere Frauen zu schützen, dann hat Carlas Leben vielleicht doch einen Sinn gehabt.“

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration