Jugendoffiziere der Bundeswehr sind im Jahr 2025 mehr als 5000 Mal an Schulen präsent – ein neuer Höchststand. Kritiker sehen darin eine unerlaubte Rekrutierung, während die Offiziere selbst betonen, lediglich politische Bildung zu leisten. Ein Besuch an einer Hamburger Berufsschule zeigt die Kontroversen und die Praxis vor Ort.
Jugendoffizier Martin Kobbe im Klassenzimmer
Martin Kobbe ist seit April Jugendoffizier und an diesem Tag zu Gast in einer Hamburger Berufsschule. Sein Ziel: aufklären, ohne zu werben. „Ich möchte nicht aus dem Raum gehen und denen irgendeine Meinung aufdrücken“, sagt er. Doch genau das werfen Kritiker den Jugendoffizieren vor: Sie würden die militärische Perspektive normalisieren und Werbung für die Bundeswehr machen, die händeringend Rekruten sucht.
Kobbe weist die Vorwürfe zurück. „Ich würde faktisch ein Dienstvergehen begehen, wenn ich anfange, Recruiting zu machen oder Karriereberatung“, erklärt er. Für die Anwerbung von Rekruten gebe es bei der Bundeswehr die sogenannten Karriereberater. Dennoch bleibt die Frage, ob sich diese Trennung in der Realität aufrechterhalten lässt.
Schüler mit Bundeswehr-Erfahrung
In der Klasse haben einige Schüler bereits eigene Erfahrungen mit der Bundeswehr: „Ich war zwei Jahre lang als Zeitsoldat in Husum“, berichtet einer. Ein anderer war sechs Jahre in Rotenburg, ein dritter acht Jahre als Jäger. Diese Vorkenntnisse nutzt Kobbe für eine offene Diskussion. „Für mich persönlich ist einer der wichtigsten Punkte, dass ich authentisch sein kann“, sagt er. „Ich bin kein Pressesprecher, die dürfen mich alles fragen. Und ich kann nicht nur, sondern darf es auch kritisch ansprechen.“
Die Schülerinnen und Schüler sollen sich eigenständig eine Meinung bilden können – das besagt der Beutelsbacher Konsens von 1976, die Regeln für politische Bildung in Deutschland. Diese gelten auch für die rund 80 Jugendoffiziere der Bundeswehr. Jugendoffiziere gibt es seit 1958, doch selten standen sie so im Fokus der Öffentlichkeit. In den vergangenen vier Jahren hat sich die Zahl ihrer Schulbesuche mehr als verdoppelt auf über 5000 pro Jahr.
Lehrer und die neue Wehrdienst-Debatte
Warum lädt die Schule Kobbe ein? Lehrer Christian Sommer erklärt: „Weil wir Schüler dabei haben, die jetzt einen Brief bekommen haben für den neuen Wehrdienst und um darüber Aufklärung zu betreiben. Was bedeutet das überhaupt? Warum kommt das auf die Schüler zu? Und Hilfestellung geben für unsere Schüler.“ Die Briefe zur freiwilligen Musterung erhalten seit diesem Jahr alle Männer ab Jahrgang 2008. Eine tatsächliche Wehrpflicht gibt es nicht, dennoch kritisieren einige Schüler die neue Regelung.
Ein Schüler sagt: „2008 kriegt einen Brief, wird potenziell auch eingezogen, gemustert und dann halt dem Wehrdienst unterstellt. Finde ich in dem Sinne schwierig.“ Kobbe fragt nach, ob die Briefe schon zu viel seien. Der Schüler antwortet: „Ich finde es noch nicht zu viel. Es wird erst viel, wenn es wirklich erzwungen wird.“ Ein anderer Schüler meint: „Man kann schon ordentlich was einschränken, wenn es darum geht, das Land zu verteidigen. In diesen Wochen und Monaten werden den Menschen auch viele Eigenschaften weitergegeben, wo dann vielleicht die Menschen auch reifer wieder rauskommen.“
Proteste gegen Wehrpflicht und Jugendoffiziere
Nicht alle sehen das so. Immer wieder gibt es Proteste gegen eine mögliche Wehrpflicht – wie Anfang Mai in Berlin. Dort ging es auch um die Schul-Auftritte der Jugendoffiziere. Ein Protestierender sagt: „Die machen: Werben fürs Sterben.“ Ein anderer: „Ich finde, das ist eine Instrumentalisierung der Jugend. Man versucht, sie im jungen Alter zu brainwashen. Ich finde, die Schulen sollten sich zur Neutralität bekennen.“ Ein dritter ergänzt: „Das sind letztendlich Menschen, die ganz klar dafür geschult sind, Jugendliche zu beeinflussen und zu manipulieren. Und da finde ich selbst in einer Diskussionsveranstaltung ist da immer ein total großes Ungleichgewicht. Eine Schule sollte ein Ort sein, wo die Schülerinnen ihre Meinung frei entwickeln können. Und da ist es eben total kontraproduktiv, wenn da einfach Leute vom Staat reingeschickt werden, um irgendwie die Außenpolitik und die Wehrpflicht zu argumentieren und die Menschen davon zu überzeugen.“
Kobbe selbst ist persönlich gegen eine Wehrpflicht: „Ich persönlich bin komplett gegen eine Wehrpflicht. Hängt auch damit zusammen, dass ich damals in einem Alter Abitur gemacht habe, als es die Wehrpflicht noch gab. Und ich wollte nach dem Abitur unbedingt studieren. Ich hatte kein Interesse an einer Wehrpflicht. Tatsächlich musste ich zur Musterung. Ich wurde damals vorübergehend ausgemustert. Später habe ich mich freiwillig dazu entschieden, zur Bundeswehr zu gehen. Deshalb wäre es Heuchelei, wenn ich hier sitze und sage: Jawoll, Wehrpflicht finde ich gut. Ich persönlich finde es nicht und ich kann auch für die Bundeswehr sprechen. Es ist ja nie schön, jemanden zu irgendetwas zu zwingen.“
Die Schüler bewerten den Workshop
Kobbe will wissen, wie die Schüler die Wehrpflicht sehen. Er lässt abstimmen: Alle, die finden, dass ein Dienst an der Waffe immer freiwillig bleiben sollte, bleiben stehen. Die anderen setzen sich. Das Ergebnis: „Spannend“, kommentiert Kobbe. Ein Schüler erklärt: „Ich bin hier, weil ich mich generell für das Thema interessiere und ich auch selbst schon öfter mit den Gedanken gespielt habe, ob ich jetzt so eine kleine Wehrpflicht machen soll. Weil bei mir war es zum Beispiel so, dass ich einfach den Brief bekommen hatte, keine Zeit mich so damit zu beschäftigen und habe den dann liegen lassen und habe es halt nicht gemacht. Wenn ich jetzt auf mein früheres Ich zurückgucke, hätte ich es wahrscheinlich lieber gemacht.“
Hat Kobbe also doch ein bisschen rekrutiert? Die Schüler widersprechen. Eine Schülerin sagt: „Er hat das versucht, ein bisschen relativ neutral zu halten, was ja wahrscheinlich auch sein Job ist.“ Ein anderer Schüler ergänzt: „Persönlich gesehen, fand ich das nicht werbend. Es war wirklich offen gehalten, das Gespräch. Man hatte keine Limitation, man konnte wirklich das sagen, was man meinte, und man hat auch wirklich gut darüber diskutiert.“
Kobbe und die Schüler scheinen zufrieden. Doch der Lehrer geht auf Nummer sicher: „Wir haben jetzt heute Nachmittag dann auch noch die Phase ohne den Jugendoffizier und dann wird das alles aufgearbeitet. Dass unsere Schüler hier mit einem guten Gefühl auch nach Hause gehen.“



