Berlin – Er war der fußballspielende Frauenschwarm der Schule, sie ein Backfisch im Petticoat. Vor 65 Jahren heirateten Gero (85) und Hannelore Mundelius (83). Doch das Eheglück währte nur zwei Monate. Dann trennte sie der Mauerbau – für 559 quälende Tage.
Eine zufällige Begegnung am S-Bahnhof
Alles begann mit einer zufälligen Begegnung am S-Bahnhof Köpenick. Das ist nun 67 Jahre her. Hannelore, damals 15, wartete auf eine Verabredung, die jedoch nicht erschien. Stattdessen tauchte Gero auf, damals 17, der dieselbe Schule besuchte. Gemeinsam wanderten sie zu Fuß nach Hause. „In der Wartehalle hat er mich zum ersten Mal geküsst“, verrät Hannelore mit einem Lächeln.
Bereits 1959 war ihr klar: „Nach einer Woche wusste ich, dass er meine große Liebe ist“, sagt Hannelore über Gero. „Er kam jeden Abend mit dem Moped aus Tegel.“
Ein Skandal und eine frühe Schwangerschaft
Die junge Liebe blieb nicht folgenlos. Der gemeinsame Sohn Mario kam 1960 zur Welt – ein Skandal. Sie war 17, er 20. „Wir durften nicht heiraten, weil ich noch nicht volljährig war. Deshalb stellte ich einen Antrag auf vorzeitige Volljährigkeit bei Gericht“, erinnert sich Hannelore. Inzwischen machte Gero eine kaufmännische Ausbildung und war zu seiner Großmutter in den Westen nach Tegel gezogen. Hannelore lebte mit dem Baby bei ihren Eltern im Ostteil der Stadt.
Die Hochzeit und die plötzliche Trennung
Am 13. Juni 1961 gaben sie sich im Rathaus Reinickendorf das Jawort. „Es gab keine große Feier, nichts. Hinterher haben wir im Alten Fritz gegessen“, erzählt Hannelore. Zwei Monate später fuhr das junge Paar samt Söhnchen mit dem hellblauen Fiat 600 von Tegel zur Geburtstagsfeier von Hannelores Schwester nach Mahlsdorf. Gero absolvierte am Sonntagmorgen noch ein Fußballspiel bei seiner alten Mannschaft. Das war der 13. August 1961.
„Im Radio hörten wir die Durchsage, dass die Grenze dichtgemacht wurde“, berichtet Gero. Ein Schock. Seine Frau durfte nicht mit in den Westen zurück, da sie offiziell noch bei ihren Eltern im Osten gemeldet war. Sie hatte keine Wechselkleidung oder Babysachen dabei. Noch heute ärgert er sich: „Ich hätte sie einfach mitnehmen sollen. Die Russen hatten doch keine Patronen.“
Leben in der Trennung
Täglich schrieben sie sich Briefe, denn ein Telefon gab es nicht. Alle vier Wochen stellte Hannelore einen Antrag zur Ausreise. „Da waren so viele weinende Frauen, viele auch mit Kindern“, erinnert sie sich. Das Paar schmiedete heimliche Pläne. „Einmal haben wir uns auf einem Parkplatz bei Michendorf getroffen“, sagt Gero. „15 Minuten, mehr ging nicht, weil wir sonst aufgeflogen wären. Wir hatten ja die Zeitstempel.“ Ein Fluchtversuch mit Hilfe eines französischen Diplomaten scheiterte 1962. „Der kam nicht, weil er verfolgt worden war“, sagt sie.
Die Wiedervereinigung der Familie
Erst nachdem ihre Mutter einen Anwalt eingeschaltet hatte, ging alles ganz schnell. Am 23. Februar 1963 war die junge Familie wieder vereint – 559 Tage nach ihrer erzwungenen Trennung. Am vergangenen Samstag feierten Gero und Hannelore Eiserne Hochzeit. „Es gab schlimme Zeiten, aber wir haben uns immer wieder zusammengerauft“, so Hannelore über das Geheimnis ihrer langen Ehe.
Ein besonderes Detail: Die Eheringe
„Die goldenen Eheringe sind immer noch die gleichen. Ich nehme meinen nie ab. Gero hat seinen nie getragen.“ Dazu sagt Gero: „Der ist wie neu, liegt in der Nachttischschublade. Die Zeit ist so schnell vergangen.“ Die Liebesbriefe von damals haben sie alle in einer Kiste aufgehoben – nur wo die ist, das wissen sie nicht mehr.



