Nach dem tödlichen Anschlag beim Christopher Street Day (CSD) in Berlin hat der Extremismus-Berater Thomas Mücke vom Violence Prevention Network (VPN) seinen Eindruck von dem mutmaßlichen Täter Abdul Ballout geschildert. Die Sozialarbeiter hätten „einen sehr gefassten, einen sehr vorsichtigen, einen sehr kontrollierten, einen sehr freundlichen Eindruck“ von dem 21-Jährigen gehabt, sagte Mücke im ARD-„Brennpunkt“. „Und das sind genau die Kriterien, wo wir halt merken, da kommen wir nicht wirklich an die Person heran.“
Der mutmaßliche Täter und die Tat
Abdul Ballout, ein deutscher Staatsbürger mit libanesischem Hintergrund, soll am Samstag mit einem Kleinbus in eine Menschenmenge am Rande des CSD gefahren sein. Dabei starb eine Person, 29 weitere wurden verletzt. Zudem soll er mit einer Stichwaffe auf Menschen eingewirkt haben. Der 21-Jährige sympathisierte laut Ermittlern mit der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS). Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach von einem „islamistischen Terroranschlag“.
Der Eindruck der Sozialarbeiter
Das Violence Prevention Network ist eine gemeinnützige Organisation, die in der Extremismusprävention tätig ist und Menschen bei der Distanzierung von islamistischen oder rechtsextremistischen Ideologien begleitet. Mücke erklärte, dass die gefasste und kontrollierte Art von Ballout die Arbeit der Sozialarbeiter erschwert habe. „Da kommen wir nicht wirklich an die Person heran“, so Mücke. Er betonte, dass dies ein häufiges Problem bei der Deradikalisierung von Gefährdern sei.
Frühere Verurteilung und Reaktionen
Ballout war bereits im November 2025 am Flughafen BER festgenommen worden, nachdem er vergeblich versucht hatte, sich dem IS in Syrien anzuschließen. Am 12. Mai verurteilte ihn ein Jugendschöffengericht am Amtsgericht Tiergarten zu 22 Monaten Jugendstrafe – unter anderem wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Die Entscheidung über eine Aussetzung der Strafe zur Bewährung wurde für sechs Monate zurückgestellt. Der Haftbefehl wurde aufgehoben, da die Untersuchungshaft vorrangig der Sicherung des Verfahrens diente. Die Generalstaatsanwaltschaft legte Berufung ein, da sie eine höhere Strafe forderte.
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) zeigte sich verwundert über das Urteil. „Er wurde verurteilt nach Jugendstrafrecht. Und dann wurde leider durch das Gericht eine Bewährungsstrafe ausgegeben. Und ich will das nicht bewerten, das ist die Unabhängigkeit der Justiz, aber mir fehlen da schon die Worte“, sagte Wegner in der RBB-„Abendschau“.
Bundesinnenminister Dobrindt kritisierte ebenfalls die Bewährungsstrafe: „Das wird ein Teil der Aufarbeitung sein, ob man hier in der Tat mit Bewährungsstrafen arbeiten kann. Ich glaube, dass das nicht der richtige Weg ist.“ Dobrindt forderte, dass Gefährder stärker unter Kontrolle gestellt werden müssten.
Polizeieinsatz und Tod des Tatverdächtigen
Nach einer stundenlangen Fahndung wurde Ballout am Sonntagabend in einer Kleingartenanlage in Berlin-Spandau von der Polizei aufgespürt. Laut Polizei lief er mit einer Stichwaffe auf die Einsatzkräfte zu, woraufhin Spezialkräfte des SEK ihn erschossen. Reanimationsversuche der Feuerwehr blieben erfolglos. Die Mordkommission ermittelt nun zu den Umständen des tödlichen Schusswaffengebrauchs.
Die Polizei prüft zudem, ob es einen zweiten Täter gab. Ein iranischer Staatsbürger wurde vorläufig festgenommen, der Verdacht habe sich jedoch bislang nicht erhärtet, so Dobrindt. „Wir gehen aktuell von keiner weiteren Gefährdung aus, das ist aber eine Momentaufnahme“, sagte der Innenminister.
Trauer und Solidarität in Berlin
Am Sonntagabend fand ein Trauermarsch von der Marienkirche zum Brandenburger Tor statt. Bereits am Nachmittag hatten 8.000 bis 10.000 Menschen an einer Trauerkundgebung teilgenommen. Das Brandenburger Tor wurde in Regenbogenfarben angestrahlt, als Zeichen der Solidarität mit der queeren Community. „Berlin ist die Stadt der Freiheit – und die Freiheit lassen wir uns nicht nehmen“, teilte die Senatskanzlei mit.
Die Polizei bittet weiterhin um Hinweise zur Tat über das Hinweisportal be.hinweisportal.de. Angehörige können sich unter der Telefonnummer 030 84 85 44 60 an die Personenauskunftsstelle wenden.



