Friedman in Bayreuth: Antisemitismus als Thermometer der Demokratie
Friedman: Antisemitismus als Thermometer der Demokratie

Der jüdische Publizist Michel Friedman hat bei einer Gedenkveranstaltung zum 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele eindringlich vor dem wachsenden Antisemitismus in Deutschland gewarnt und die Bürger zu entschlossenem Einsatz für die Demokratie aufgerufen. „Der Judenhass ist das Thermometer für den Zustand der Demokratie. Das Thermometer hat aktuell einen Wert von 40 Grad“, sagte Friedman laut Medienberichten im Festspielhaus. „Jüdisches Leben war seit 1945 in diesem Land noch nie so gefährdet wie heute. Unser Leben ist in Gefahr. Unsere Kinder sind nicht sicher.“

Rede unter besonderen Vorzeichen

Friedmans Auftritt war mit großer Spannung erwartet worden, nachdem die Festspielleitung ihn zunächst für die Eröffnungsrede eingeladen, dann aber aus Sicherheitsbedenken wieder ausgeladen hatte. Der 70-Jährige machte die Absage öffentlich und löste damit eine Welle der Kritik aus. Festspielchefin Katharina Wagner entschuldigte sich persönlich bei Friedman, der die Versöhnung nun öffentlich annahm. „Katharina Wagner verändert gerade die Erinnerungskultur von Bayreuth“, sagte Friedman und nannte die 48-Jährige „meine Freundin“. Die Gedenkveranstaltung war den während des NS-Regimes verfolgten und ermordeten jüdischen Musikern gewidmet.

Drastische Worte zum Rechtsruck

In seiner Rede bezog sich Friedman auch auf die politische Lage in Deutschland. Mit Blick auf die bevorstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, wo die AfD in Umfragen bei über 40 Prozent liegt, sagte er: „Wir haben den Anfängen nicht genug gewehrt, sondern sind mittendrin.“ Er appellierte an die Bürger, demokratisch zu wählen, „damit sie morgen noch entspannt nörgeln können“. Friedman betonte, dass Hass auf Juden, Muslime, Frauen oder Homosexuelle letztlich Hass auf Menschen sei. „Die Diktatur verachtet den Menschen nicht, sie sieht ihn nicht einmal“, erklärte er und forderte alle Demokraten auf, ihre Stimme zu erheben und für „das bessere Produkt“ zu werben.

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Persönliche Betroffenheit und historische Verantwortung

Friedman, aus dessen Familie nach eigenen Angaben 50 Menschen von den Nationalsozialisten ermordet wurden, kritisierte die jahrelange mangelnde Aufarbeitung der Festspielgeschichte. Der Komponist Richard Wagner, Gründer der Festspiele, hinterließ antisemitische Schriften. Die Festspiele waren eng mit dem Nationalsozialismus verflochten, Adolf Hitler war häufiger Gast. Nach dem Krieg hätten die Brüder Wieland und Wolfgang Wagner 1951 die Gäste gebeten, „von Gesprächen und Debatten politischer Art freundlich absehen zu wollen“. Friedman konstatierte: „Wie liebevoll vom Grünen Hügel gesprochen wird in der Hoffnung, dass man die braune Erde darunter nicht sieht.“ Er forderte eine konsequente Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Katharina Wagner dankte Friedman für seine Teilnahme und betonte die Bedeutung der Veranstaltung für den „Ungeist, der vom Grünen Hügel ausging“.

Appell an die Mitte der Gesellschaft

Friedman schloss seine Rede mit einem eindringlichen Appell: „Was muss eigentlich noch passieren, dass wir unsere Demokratie persönlich verteidigen?“ Er rief alle überzeugten Demokraten dazu auf, sich aktiv einzubringen und gegen den Rechtsruck zu stellen. Die Veranstaltung endete mit einer Schweigeminute für die Opfer der NS-Zeit. Friedmans Botschaft war klar: Die Verteidigung der Demokratie beginnt im Alltag – und mit der Bereitschaft, sich einzumischen, bevor es zu spät ist.

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