In Mexiko steigt die Vorfreude auf die Fußball-Weltmeisterschaft, und viele Unternehmen versuchen, vom WM-Fieber zu profitieren. Am Flughafen von Monterrey wirbt ein riesiges Plakat von Arjen Robben für Kartoffelchips, in den Boutiquen der Hauptstadt hängen plötzlich Nationaltrikots, und selbst auf dem Sonntagsmarkt stellt ein Gemüseverkäufer eine kleine WM-Trophäe neben seine Produkte. Besonders allgegenwärtig ist jedoch ein Werbeplakat eines großen Sportladens, das jubelnde Fans in WM-Trikots zeigt. „Wir sind Fans von den Fans“, lautet der Slogan.
Debatte um homophoben Gesang entflammt erneut
Doch nicht alle sind begeistert. Denn kurz vor dem Eröffnungsspiel in Mexiko-Stadt sorgt eine alte Debatte um die mexikanische Fankultur wieder für negative Schlagzeilen. Es geht um ein bestimmtes Wort und die Frage, ob und wie Homophobie aus den Stadien verbannt werden kann. Vergangene Woche bestätigte der Internationale Sportgerichtshof CAS ein Urteil, das den mexikanischen Verband zu einer Geldstrafe von rund 154.000 Euro an die Fifa verpflichtet. Grund ist das anhaltende Singen eines als homophob geltenden Gesangs in mexikanischen Stadien und bei Spielen der Nationalmannschaft.
Das verbotene Wort: „puto“
Das Timing mag kurz vor der Heim-WM unglücklich sein, doch das Thema ist nicht neu. Es handelt sich um eine Tradition, die sich seit Jahrzehnten auf den Rängen Mexikos verfestigt hat. Wenn der gegnerische Torwart zum Abstoß ansetzt, singen die Fans im Crescendo und schreien dann unisono das Wort „puto“, das als homophobes Schimpfwort verstanden wird. Seine Wurzeln hat der Schrei in den frühen 2000er Jahren; der Legende nach wurde er erstmals von den Fans des Atlas Guadalajara eingeführt. Vor allem seit der WM 2014, als die Fifa erstmals dagegen vorgehen wollte, sorgt er international für Aufruhr.
Viele im mexikanischen Fußball argumentieren, dass das Wort in diesem Kontext nicht homophob sei. Der frühere Nationaltrainer Miguel Herrera sagte einst: „In Mexiko wird das nicht als Beleidigung benutzt, es ist einfach Umgangssprache.“ Andere weisen darauf hin, dass der Begriff auch als reines Verstärkungswort verwendet werden kann, etwa um über Alltagsprobleme wie das Wetter oder Stau zu meckern. Allerdings ist das Wort negativ beladen. Der spanische Duden, das Diccionario de la Lengua Española, bezeichnet es als „eine abwertende Qualifizierung“ und listet es als Beschreibung eines männlichen Prostituierten oder eines homosexuellen Mannes. Da es im Stadion vor allem antagonistisch auf gegnerische Spieler gerichtet wird, steht der homophobe Unterton für viele außer Frage.
Fifa verhängt Strafen – ohne Erfolg
Mittlerweile hat auch die Fifa dies eingesehen und den mexikanischen Verband über viele Jahre mit zahlreichen Geldstrafen belegt. Immer wieder mussten Spieler darum bitten, im Interesse des Teams auf das Schreien des Wortes zu verzichten. Doch je mehr man versuchte, den Gesang zu beenden, desto eifriger wurde er in manchen Ecken gesungen. Mittlerweile hat er sich auch in anderen Ländern wie den USA oder Spanien verbreitet, wo er mit anderen Schimpfwörtern nachgeahmt wird.
Die Versuche des mexikanischen Fußballverbandes, die Benutzung komplett auszumerzen, blieben erfolglos und verzweifelt. 2021 forderte die Liga in einer großen Kampagne vergeblich, dass Fans das umstrittene Wort durch ein patriotisches „Mexiko“ ersetzen. Bei einem Spiel des Hauptstadtklubs Pumas UNAM versuchte man sogar, die Gesänge mit eingespielter Musik zu übertönen. Das Verbotene bleibt eben faszinierend, und auch bei der WM schreien die Fans fröhlich weiter. 2014 war das Wort bei einem Spiel gegen Kroatien bei fast jedem ruhenden Ball zu hören. 2018 wurde es unter anderem an den deutschen Torwart Manuel Neuer gerichtet. Und auch bei dieser WM rechnen viele damit, dass das leidige Schimpfwort wieder lautstark zu hören sein wird.



