Der jüngste Angriff in Berlin, bei dem eine Person getötet und mehrere verletzt wurden, hat die LGBTQ-Community mehr ins Mark getroffen als viele frühere Gewalttaten. Es ist der bislang schwerste Vorfall dieser Art in Deutschland, aber keineswegs der erste islamistisch motivierte Anschlag auf queeres Leben. In den vergangenen Jahren hatten Extremisten immer wieder Pride-Veranstaltungen oder Treffpunkte ins Visier genommen – und oft kam es zu Blutbädern.
FBI warnte 2024 vor gezielten Attacken auf Prides
Bereits im Juni 2024 veröffentlichte das FBI eine geheime Mitteilung, die später an die Öffentlichkeit gelangte. Darin hieß es: „Organisationen wie der IS könnten versuchen, die vermehrten Versammlungen im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Pride Month im Juni 2024 auszunutzen.“ Die US-Bundespolizei zitierte Aufrufe der Terrormiliz, „weiche Ziele“ anzugreifen. Als solche gelten queere Veranstaltungen, die oft große Menschenmengen anziehen und vergleichsweise schlecht geschützt sind. Die Warnung des FBI kam nicht von ungefähr: Die nachfolgende Chronologie zeigt, wie systematisch Islamisten vorgehen.
12. Juni 2016: Das Massaker von Orlando – 49 Tote im „Pulse“
Der schwerste Angriff auf einen queeren Ort in der Geschichte der USA ereignete sich am 12. Juni 2016. Omar Mateen, ein 29-jähriger US-Bürger afghanischer Abstammung, drang in den Nachtclub „Pulse“ in Orlando ein – ein bekannter Treffpunkt der LGBTQ-Szene. Während der „Latin Night“ feierten Hunderte Gäste, als Mateen das Feuer eröffnete. Er tötete 49 Menschen und verletzte 53 weitere. Während der Tat rief er den sogenannten Islamischen Staat (IS) an und schwor ihm die Treue. Später reklamierte der IS den Anschlag für sich, obwohl die Ermittler keine direkte Steuerung durch die Terrororganisation nachwiesen. Der Club „Pulse“ steht seitdem als Symbol für den Hass auf queeres Leben.
Juli 2019: Vereitelter Anschlag auf die London Pride
Nur drei Jahre später plante ein islamistischer Extremist in London ein Blutbad. Der 26-jährige Mohiussunnath Chowdhury wollte die Pride-Parade mit einem Fahrzeug attackieren und anschließend mit Messern und Schusswaffen auf die fliehenden Menschen einstechen. Gegenüber verdeckten Ermittlern prahlte er, er wolle „Tausende Homosexuelle“ töten. Wenige Tage vor der Veranstaltung im Juli 2019 schlugen die Behörden zu: Sie nahmen Chowdhury fest. Im Februar 2020 verurteilte ein britisches Gericht ihn wegen der Vorbereitung terroristischer Straftaten zu lebenslanger Haft. Der Anschlag war verhindert worden – knapp, wie die Ermittler später betonten.
25. Juni 2022: Der Oslo-Angriff – zwei Tote vor dem „London Pub“
Am 25. Juni 2022, nur Stunden vor dem Start der Oslo Pride, eröffnete der 42-Jährige Zaniar Matapour das Feuer vor dem queeren Szene-Treffpunkt „London Pub“. Zwei Menschen starben an Ort und Stelle, 21 weitere erlitten teilweise schwere Verletzungen. Der norwegische Inlandsgeheimdienst PST stufte die Tat als islamistischen Terroranschlag ein. Matapour war den Behörden seit Jahren bekannt: Er hatte Kontakte zu islamistischen Kreisen in Norwegen und stand unter Beobachtung, galt aber als nicht akut gefährlich. Der Vorfall löste eine Debatte über die Überwachungsdichte aus.
Juni 2023: Drei Festnahmen in Wien kurz vor der Regenbogenparade
Ein weiterer vereitelter Anschlag ereignete sich im Juni 2023 in Wien. Nur Stunden vor der Regenbogenparade, zu der rund 300.000 Teilnehmer erwartet wurden, nahmen Spezialeinheiten drei Verdächtige fest: zwei 17-Jährige und einen 20-Jährigen. Die jungen Männer hatten sich online radikalisiert und sympathisierten mit dem IS. Nach Angaben des österreichischen Staatsschutzes planten sie einen Angriff auf die Parade mit Messern und möglicherweise Fahrzeugen. Bei Hausdurchsuchungen wurden Waffen sowie umfangreiches extremistisches Material sichergestellt. Die Veranstalter wurden erst nach der Parade informiert – die Behörden waren sicher, alle Beteiligten identifiziert zu haben, und sahen keinen Grund, das Fest abzusagen.
November 2024: Zürich – Anklage gegen 15-Jährigen wegen IS-Plan
Im November 2024 erhob die Schweizer Bundesanwaltschaft Anklage gegen einen damals 15-jährigen Jugendlichen. Er soll einen Messerangriff auf den Zürich Pride geplant haben. Der Jugendliche habe sich online radikalisiert und dem sogenannten „Islamischen Staat Provinz Khorasan“ (ISPK) die Treue geschworen. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Anschlag im Vorfeld verhindert werden konnte. Der Fall zeigte, wie jung die Täter inzwischen werden und wie international die Vernetzung ist: Der Jugendliche unterhielt Kontakte zu weiteren Extremisten im Ausland.
Bedrohung bleibt akut
Die Reihe der Anschläge und vereitelten Pläne macht deutlich: Die Gefahr für queere Veranstaltungen ist real und anhaltend. Der IS hat wiederholt dazu aufgerufen, Pride-Paraden und queere Treffpunkte anzugreifen. Die Behörden in Europa und den USA haben ihre Sicherheitsmaßnahmen verschärft, doch die Täter werden jünger und die Planungen immer kurzfristiger. Die LGBTQ-Community lebt in ständiger Alarmbereitschaft – ein Zustand, der nach dem jüngsten Berliner Angriff nun auch in Deutschland angekommen ist.



