An der Heinz-Brandt-Schule in Berlin-Weißensee haben Schüler der zehnten Klasse künstlich generierte Nacktbilder von Mitschülerinnen erstellt und verbreitet. Die Täter wurden suspendiert. Nur Wochen zuvor hatten Neuntklässler derselben Schule in einem ganztägigen Workshop über Männlichkeit diskutiert – ein Thema, das durch den Vorfall neue Brisanz gewinnt.
Colaflasche als Symbol für unterdrückte Gefühle
Workshop-Leiter Nicolas Bruggaier (23) hält eine 1,5-Liter-Colaflasche in die Höhe. „Stellt euch vor, das ist euer bester Freund“, sagt er. Die Jugendlichen drücken vorsichtig – die Flasche gibt nach. Dann schüttelt Nicolas sie kräftig. „Jetzt passiert irgendetwas Schlimmes.“ Die Jungs fühlen erneut: Die Flasche ist knallhart, unter Hochdruck. Würde man sie öffnen, würde sie überschäumen. Der beste Freund würde „crashout gehen“ – ausrasten. Die Übung symbolisiert den oft problematischen Umgang von Männern mit negativen Emotionen: Wut und Hass kommen heraus, Trauer und Angst bleiben drinnen.
Der Workshop war bereits hochaktuell, bevor die Deepfake-Affäre bekannt wurde. Eine Ipsos-Studie vom März ergab, dass unter Gen-Z-Männern (Jahrgänge 1995–2010) traditionelle Rollenbilder wieder zunehmen: Jeder dritte Gen-Z-Mann findet, eine Ehefrau solle ihrem Mann gehorchen; jeder fünfte meint, Männer seien weniger maskulin, wenn sie Kinder betreuen. Mehr als jeder zweite glaubt, die Gleichstellung gehe so weit, dass Männer diskriminiert würden. Wissenschaftler kritisierten die Studie wegen zugespitzter Fragen und mangelnder Repräsentativität – doch das Gefühl, dass es ein Problem gibt, bleibt.
„Trichter der Gefühle“ und die Manosphere
Zu Beginn des Workshops zeichnet Co-Leiter Maxim ein Dreieck an die Tafel: „Trichter der Gefühle“. Die Jungs füllen es mit „Trauer“, „Wut“, „Hass“, „Angst“, „Eifersucht“, „Einsamkeit“ und „Scham“. Der männliche Trichter filtert: Nur Wut und Hass kommen durch. „Echte“ Männer zeigen andere Gefühle nicht – bis sie als Wut explodieren. Die Jungs nennen das „Crashout gehen“. Sie wissen genau, was gemeint ist.
Medienwissenschaftlerin Maya Götz warnt davor, die Deutungshoheit über Männlichkeit der sogenannten Manosphere zu überlassen. „Wir haben wirklich diese Worte nicht, was einen Mann positiv ausmachen soll“, sagt sie. „Es geht immer nur darum, was ein Mann nicht sein soll.“ Cis-Hetero-Männer seien in der Forschung lange vernachlässigt worden. „Das rächt sich an den Jungen, weil ihnen die Orientierung fehlt.“ Laut ihrer Forschung stimmt knapp die Hälfte der rechtsorientierten männlichen Jugendlichen der Aussage zu, Männern stünden mehr Rechte zu als Frauen. Viele suchten online nach Influencern, die Erfolg definieren – und landeten oft in frauenverachtenden Netzwerken. Das Einfallstor seien harmlose Fitness- und Autovideos. „Die Verbindung von Muskeln und Autos zu rechten Inhalten ist algorithmisch vorbestimmt“, so Götz.
Jungs zwischen Klischee und Reflexion
Die Neuntklässler reproduzieren zunächst bewusst ironisierend Klischees: „Testosteron“, „rohes Fleisch“, „Bart“, „Muskeln“. Penis-Witze ernten Gelächter. Doch die Workshopleiter lassen Provokationen verpuffen, stellen Nachfragen – und es wird still. Viele Jungs tragen Jogginghosen und Kapuzen, hängen lässig auf den Stühlen. Der Reporter erkennt die Null-Bock-Attitüde aus eigener Jugend – aber vor 15 Jahren gab es keine solchen Workshops.
Götz‘ Team hat kurze Videos produziert, die positive Männlichkeit zeigen. In einem zwölfsekündigen Clip sagt ein trainierter, wohlhabender Influencer: „Starke Männer verteidigen Frauen und ihre Rechte. Bro, komm mal klar.“ Vor dem Video meinten 50 Prozent der rechtsorientierten Jungs, Männer seien Opfer der Gleichberechtigung; danach waren es 43 Prozent. „Ein Video, sieben Prozent“, so Götz.
„Mein Baba hat ein‘ starken Rücken“
Der Workshop endet mit dem Song „Baba“ des Berliner Rappers Apsilon – eine Hommage an den Vater, der Härte vortäuscht. „Ich wünscht, er wär‘ ein bisschen schwächer, dann hätt‘s ihn nicht kaputtgemacht“, rappt Apsilon. Die Jungs sitzen minutenlang still, berührt. Einer fragt, ob er die Colaflasche mitnehmen darf. Der Junge wird nun versuchen müssen, sie langsam zu öffnen. Wochen später wird die Deepfake-Affäre bekannt – und zeigt, wie groß das Problem insgesamt ist.



