„Deus lo vult“ – „Gott will es!“ Mit diesem Schlachtruf entfesselte Papst Urban II. am 27. November 1095 in Clermont eine Welle der Gewalt, die nicht nur gegen Muslime im Heiligen Land, sondern auch gegen jüdische Gemeinden in Europa gerichtet war. Der Aufruf zum Ersten Kreuzzug führte zu antisemitischen Massakern, die das mittelalterliche Reich erschütterten. Kaiser Heinrich IV. hatte den Juden zwar Schutz zugesichert, doch die fanatisierten Massen setzten sich darüber hinweg.
Die Vorgeschichte: Hoffnungslosigkeit und religiöser Eifer
Papst Urban II. versprach den Kreuzfahrern die Vergebung aller Sünden, wenn sie für Gott in den Nahen Osten zögen. Dieses Angebot traf auf eine Bevölkerung, die unter jahrelangen Dürren, Hungersnöten und Seuchen litt. Viele sahen im Kreuzzug einen Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit. Schon im April 1096 machten sich rund 40.000 Menschen – darunter Frauen und Kinder – auf den Weg. Wanderprediger wie Peter der Einsiedler und Graf Emicho sammelten Tausende um sich. Sie glaubten, das Ende der Welt stehe bevor, und deuteten Himmelserscheinungen wie Meteorschauer und Polarlichter als göttliche Zeichen.
Die Pogrome in den SchUM-Städten
Die jüdischen Gemeinden in Speyer, Worms und Mainz – bekannt als SchUM-Verbund – waren die Wiege des europäischen Judentums. Bisher hatten Juden und Christen dort halbwegs friedlich nebeneinander gelebt. Doch die Kreuzzugspropaganda machte die „Gottesmörder“ zum Feindbild. Hinzu kam, dass die Kreuzfahrer Geld für ihre Reise benötigten und es bei wohlhabenden Juden vermuteten. Graf Emicho, der ein von einem Engel eingezeichnetes Kreuz auf seiner Brust tragen sollte, führte den blutigsten Trupp an.
Der jüdische Chronist Rabbi Elieser bar Nathan beschrieb die Stimmung unter den Kreuzfahrern: „Es geschah, als sie durch die Städte kamen, wo Juden waren, da sprachen sie bei sich: ‚Wohlan, wir haben uns aufgemacht, unsere Rache an den Ismaeliten zu vollziehen, dabei sind es doch die Juden, die ihn getötet und ans Kreuz geschlagen haben.‘“
Speyer, Worms, Mainz: Der Tod kommt in Wellen
Am 3. Mai 1096 fielen zwei Kolonnen von Kreuzfahrern in Speyer ein und töteten elf Juden. Bischof Johann I. von Speyer verteidigte die jüdische Gemeinde entschlossen und gewährte ihr Schutz an seinem Hof. Die Mörder zogen weiter nach Norden. In Worms stürmte der Mob am 18. Mai jüdische Wohnhäuser und den Bischofshof. Wer sich nicht zwangstaufen ließ, wurde massakriert oder beging Selbstmord. Hunderte starben.
In Mainz wartete man bereits auf die Kreuzfahrer. Erzbischof Ruthard riet den Juden, ihre Wertgegenstände bei ihm einzulagern und sich in den Bischofshof zu flüchten. Dafür ließ er sich Schutzgeld zahlen. Zwei Tage lang sammelten sich bewaffnete Gruppen vor den Toren der Stadt. Als Graf Emichos Trupp eintraf, wurden die Tore geöffnet – warum, ist ungeklärt. Die Bürger solidarisierten sich mit den Angreifern. Der Erzbischof setzte seine Ritter nicht ein. Die Juden verteidigten den Bischofshof unter Führung ihres Rabbiners, konnten ihn aber nicht lange halten. Mütter warfen ihr letztes Silber in den Hof, um Zeit zu gewinnen, ihren Kindern die Kehle durchzuschneiden und sich dann selbst zu töten. Nur wer die Zwangstaufe über sich ergehen ließ, überlebte. Neun Massengräber wurden in Mainz ausgehoben.
Die Folgen: Kaisertreue und Machtwechsel
Kaiser Heinrich IV. saß in Norditalien fest, als ihm von den ersten Angriffen berichtet wurde. Er ordnete den Schutz der Juden durch die Stadtherren an, nicht aus Nächstenliebe, sondern aus Angst vor Steuerausfällen. Bereits 1090 hatte er die Rechte der Juden im „Wormser Privileg“ festgelegt. Doch seine Anordnungen verhallten ungehört.
Graf Emichos Kreuzzug endete in Ungarn, wo die Bevölkerung die Plünderer abwehrte. Zurück in der Heimat wurde er verachtet, weil er sein Gelübde gebrochen hatte. Die Pogrome hatten weitreichende politische Folgen: Erzbischof Ruthard von Mainz wechselte nach seiner Flucht die Seiten zu Papst Urban II. Knapp ein Jahrzehnt später nutzte er seinen Einfluss, um mit Heinrichs Sohn den Kaiser vom Thron zu stürzen.



