In der ARD-Talkshow „Hart aber fair“ saß Kai Viehof im Frühjahr 2026 und diskutierte über Erben. Der 44-Jährige mit den schmalen Schultern, Ohrringen und strubbeligem Bart wirkte zurückhaltend – ganz anders als sein Kontrahent, ein selbstbewusster Elektrotechnik-Unternehmer aus Neuss. Viehof ist der Enkel des Allkauf-Gründers, der die Handelskette in den 1960er-Jahren aufbaute und 1998 für rund eine Milliarde Mark an die Metro verkaufte. Doch anders als viele Erben lehnte Viehof seinen Anteil ab, als er an der Reihe war.
Der untypische Millionär
Viehof gehört zu einer neuen Generation von Reichen, die ihr Geld nicht vermehren, sondern verteilen wollen. Mitgründer Sebastian Klein von Blinkist und Marlene Engelhorn aus der BASF-Gründerfamilie sind weitere Namen. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung stammen mehr als die Hälfte der privaten Vermögen in Deutschland aus Erbschaften oder Schenkungen. Nur die USA und China haben laut dem Global Wealth Report 2025 der Boston Consulting Group mehr Superreiche als Deutschland – Menschen mit über 100 Millionen Dollar Vermögen. Sie halten 27 Prozent des Finanzvermögens.
Viehof selbst bekam von seinem Vater früh einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag geschenkt. Das eigentliche Erbe, einen bis zu dreistelligen Millionenbetrag, schlug er jedoch aus. „Das ist für mich keine Neiddebatte“, sagt er. „Das ist für mich eine zentrale Debatte, der sich auch die stellen müssen, die im System gewonnen haben.“
Die Entscheidung gegen das Erbe
Bereits mit 17, als die Familie das Unternehmen verkaufte, fasste Viehof den Entschluss, später sein Erbe zu spenden. Damals schwieg er gegenüber seiner Familie, weil der innere Konflikt zu groß war. In seiner Jugend hatte er sogar überlegt, in die Entwicklungshilfe zu gehen. „Großer Reichtum und große Armut waren für ihn schon immer zwei Seiten einer Medaille“, erklärt er. „Es war so ein Gefühl, Gerechtigkeitsempfinden.“
Mit Mitte 30, vor etwa zehn Jahren, sollte Viehof einen weiteren dreistelligen Millionenbetrag erhalten. Er schlug ihn aus. Gründe: rechtliche und moralische Bedenken. „Man ist nicht frei, mit dem Geld zu machen, was man will“, sagt er. Zudem sah er in der Familie die Sorge, die Nachfahren könnten einst am Hungertuch nagen. Nach einem Gespräch mit seinem Vater, der nicht begeistert war, floss der Betrag in eine gemeinnützige Stiftung – Vater Eugen ist vertretungsberechtigt, Kai Viehof hat damit nichts zu tun.
Sieben Achtel für die Demokratie
Von dem mittleren zweistelligen Millionenbetrag behält Viehof ein Achtel als Puffer für sich und seine Familie. Die restlichen sieben Achtel will er spenden oder in Unternehmen investieren, die gesellschaftliche statt finanzielle Rendite versprechen. Sein Schwerpunkt liegt auf Demokratie. „Ohne Demokratie kann man alle weiteren Themen, auch den Klimawandel, vergessen“, hat er von Anna-Lena von Hodenberg, Gründerin von Hate Aid, gelernt. Fünf Jahre lang unterstützt er Hate Aid mit einer sechsstelligen Summe jährlich – ebenso Correctiv, Brand New Bundestag und die Bürgerbewegung Finanzwende.
2023 lernte er Helene Wolf, Co-Geschäftsführerin von „Fair Share of Women Leaders“, auf einem Retreat kennen. Der Verein setzt sich für mehr Frauen in Führungspositionen von NGOs ein. Viehof unterstützt ihn fünf Jahre lang mit einer sechsstelligen Summe. „Sein Beitrag ist extrem wichtig für die langfristige, strategische Arbeit“, sagt Wolf. „Es gibt zu wenige Männer, die sich für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen. Kai zeigt mit seinem Engagement, wie auch sie aktiv werden können.“
Spenden will gelernt sein
Viehof dokumentiert alle Spenden auf einer Liste auf seinem Smartphone. Größere Summen fließen dorthin, wo die Wirkung am größten ist – etwa bei Hate Aid, gemessen an der Anzahl der unterstützten Betroffenen und gewonnenen Verfahren gegen Social-Media-Plattformen. Wenn das rechte Medium Nius die Organisation angreift, bestärkt ihn das: „Da habe ich das Gefühl, ich habe es an der richtigen Stelle investiert.“
Doch Spendenwill gelernt sein: Manche Projekte entfalteten weniger Wirkung, großzügige Zusagen führten zu teuren Strukturen, als öffentliche Mittel ausblieben. Viehof stückelt höhere Beträge über mehrere Jahre, damit Organisationen langfristig planen können. Schon mehrfach entschied er, ein Projekt nicht weiter zu unterstützen. „Möglicherweise lässt man dann eine Organisation über die Klinge springen. Dahinter stehen Einzelschicksale von Personen, die ihren Job verlieren. Das ist eine schwere Entscheidung.“
Impact-Investments als Hebel
Neben Spenden investiert Viehof in Unternehmen mit gesellschaftlichem Auftrag. Dem Tampon-Start-up Vyld gewährte er ein Darlehen von 750.000 Euro, auch weil von Frauen geführte Unternehmen oft schwerer an Kapital kommen. Dem Porridge-Start-up Haferkater half er mit einer sechsstelligen Summe beim Wechsel ins Verantwortungseigentum. Läuft das Geschäft gut, bekommt er das Geld mit verzinstem Zinsdeckel zurück. Dieses Risikokapital hat er gedanklich bereits abgeschrieben. Sollte etwas zurückkommen, fließt es in neue Impact-Investments.
Felix Oldenburg, Chef des Stiftungs-Start-ups Bcause, sagt: „Sich sichtbar zu engagieren, ist für diese Erben eine Lose-lose-Situation. Sie werden kritisiert von denen, die finden, dass sie noch zu wenig spenden, und denen, die finden, dass sie viel zu viel spenden.“ Viehof gehört zu den wenigen, die trotzdem darüber reden.
Der schwierige Weg mit der Familie
Viehofs Vater hat drei Brüder, auch sie und ihre Kinder erbten viel Geld. Mit den meisten Verwandten außerhalb der Kernfamilie hat er kaum Kontakt. Das Verhältnis zum Vater hat sich verbessert. „Er ist in Diskussionen bei mir, dass sich da was tun muss. Ich bewundere ihn sehr dafür, dass er progressiv weiterdenkt.“ Was Viehof immer verhindern wollte, ist gelungen: Sie sind keine Geschäftspartner geworden, sondern fast Verbündete.
Knapp drei Achtel seines Vermögens sind noch übrig, sagt Viehof. Wenn alles weg ist, wird er sich stärker auf seinen Aktivismus für Verteilungsgerechtigkeit konzentrieren. „Natürlich habe ich daran schon gedacht. Das wird mich zwar schmerzen, aber ich möchte die Rolle des Geldgebers auch irgendwann verlassen.“



