Ein Leben voller Energie und Freundschaft
Gerda wurde hundert, und ihre Freundin wollte ihr eine Freude machen: ein Ausflug ins Grüne mit dem Lastenrad. Gerda hüpfte wie ein Gummiball in das ungepolsterte Gefährt. Saß da, eingewickelt in eine Decke, zwischen all den Picknicksachen und musste sich gut festhalten, so rumpelig war der Waldweg. Tischdecke über den Picknicktisch, Porzellangeschirr aufgedeckt, dazu Köstlichkeiten. „Hach, ist das schön. Wolfgang hätte es hier auch gefallen“, rief Gerda. Wolfgang war seit mehr als 25 Jahren tot.
In Beeskow besuchten sie noch eine Musikautomatenausstellung. Gerda ließ sich alles detailliert erklären – und tanzte hier und da ein paar Takte zur Musik. Abends, nach dem Kirchenkonzert, auf dem Heimweg, wurde der Regenbogen am Himmel so groß, dass sogar die halbblinde Gerda ihn sehen konnte.
Eine Freundin für alle
Fünf Frauen sitzen am Tisch und erzählen über Gerda. Vom Alter hätte sie ihre Mutter oder sogar Großmutter sein können. War sie aber nicht. Gerda war ihre Freundin. Birgit hatte sie beim Skifahren in Böhmen kennen gelernt. Anfang 2000 war das, kaum Schnee, dafür alles vereist. Doch Gerda kraxelte den Berg hoch, brachte ihre Skier in Position und sauste runter. „Was die kleine Alte kann, kann ich auch“, dachte sich Birgit und brach sich das Steißbein. So kamen sie ins Gespräch.
Birgit aus Regensburg, Ende 30. Gerda aus Neukölln, Mitte 70. Gerda rief an, schrieb Briefe, und als Birgit für einen Vortrag nach Berlin kam, holte Gerda sie am Flughafen Tempelhof ab. Ein Rundumprogramm mit Konzertbesuch hatte sie längst organisiert. Zu Birgits Geburtstag fuhr Gerda nach Regensburg, warf sich unter die ihr unbekannten und viel jüngeren Menschen – und hielt dann auch noch eine Rede.
Die erste Ampel der Stadt, die erste Funkausstellung: Gerda hörte zu, fragte nach. Was die Freundinnen in ihren Berufen können mussten, was sie lasen, was sie in ihren Beziehungen beschäftigte, was sie über Politik und über Musik dachten. „Sie hat sich mehr für mich interessiert, als meine eigenen Eltern“, sagt eine.
Kindheit in Neukölln
1924 ging am Potsdamer Platz die erste Ampel der Stadt in Betrieb, die erste Funkausstellung wurde am Messedamm eröffnet, bestaunt wurden all die neuen Radiogeräte. Und Gerda kam auf die Welt.
Ihre Welt war klein, eine Zweizimmerwohnung im zweiten Hinterhof in der Reuterstraße 37 in Neukölln, der Waschzuber auf dem Dachboden, das Klo auf halber Treppe. Mal hatte der Vater Arbeit, dann wieder nicht. Wenn Gerda und ihre Schwester irgendwo hinwollten, liefen sie. Die Straßenbahn kostete zehn Pfennig.
Gerda war die Ältere. Sie gab gerne die Kommandos: was gespielt wurde, was die Schwester anziehen sollte. Außerdem ging Gerda gern in den Rosengarten im Reuterkiez. Dort sah es schön aus, dort roch es gut. Doch der Wärter jagte sie immer davon.
Sie konnte zeichnen, wollte etwas mit Mode machen und begann eine Ausbildung als Schneiderin. Das passte zu ihr; sah sie doch immer aus, wie aus dem Ei gepellt, mit 18 wie mit 80. Weil sie klein und schlank war, ging sie auch später noch in die Läden für junge Frauen und fand dort immer etwas Schickes. Zerbrechlich wirkte sie dabei nie, eher aufrecht und gerade.
Krieg und Überleben
1943, Gerda wurde zum Reichsarbeitsdienst verpflichtet und der Torpedoversuchsanstalt Gotenhafen in der Nähe von Danzig zugewiesen. Sie bekam Kurse in technischem Zeichnen und fertigte Konstruktionsentwürfe. Es war Weltkrieg, Gerda saß am Schreibtisch.
29. Januar 1945, Evakuierung. Mit etwa 2000 weiteren Flüchtlingen wurde sie auf dem Torpedoschulschiff „Hugo Zeye“ untergebracht, so notierte sie in feiner Sütterlin-Schrift im Tagebuch. Vier Tage dauerte die Fahrt nach Flensburg, begleitet von U-Booten und Kriegsschiffen. Als sie ankamen, erfuhren sie, dass die Wilhelm Gustloff, die kurz nach ihnen ausgelaufen war, von Torpedos getroffen und zusammen mit mehr als 9000 Menschen untergegangen war.
9. Mai, Gerda schrieb in ihr Tagebuch: „Tag des Friedens und Elend... Sechs Jahre Krieg sind vorbei. Warum sollten wir durch all dieses. Ich glaube nicht mehr, dass ich je wieder froh sein kann.“
Ein Jahr später stand Gerda wieder vor der Wohnungstür in der Reuterstraße, ihre Mutter öffnete die Tür und nahm sie in den Arm. Ihre Schwester sagte: „Du stinkst.“
„Herr Doktor, ich gebe Ihnen jetzt 20 Minuten!“
Wolfgang, Gerdas Mann, hat keine der Freundinnen am Tisch mehr kennengelernt. 1998 starb er an Krebs. Wie amputiert habe sie sich gefühlt, sagte Gerda später. Immer wieder erzählte sie von ihm. 1948 hatten sie sich im Ruderverein kennen gelernt. Sie zogen in eines der kleinen Reihenhäuser in Britz, 65 Quadratmeter, kleiner Garten, aber ihre Welt für den Rest ihres Lebens. Gerdas bestimmende Art machte Wolfgang nichts aus. Sollte sie machen. Er baute die Möbel und verdiente als Werkzeugmeister genug Geld für beide. Ab Anfang der 60er war Gerda Hausfrau. Kinder bekamen sie keine – da blieb ein Schmerz.
„Wusstet ihr, dass Gerda die älteste noch aktive Ruderin Deutschlands war?“, fragt eine Freundin. Es gibt ein Foto aus dem Jahr 2005: Gerda, 81, die Ruder im Anschlag, strahlt über beide Ohren. Eine 30 Kilometer-Tour? Für Gerda kein Problem. Mit Wolfgang war sie gerudert, und ohne Wolfgang ruderte sie weiter.
Gerda führte ein offenes Haus und hatte gerne Gäste. Dann gab es Schnittchen, Heringssalat, Pampelmuse mit Spießen, Tischdecke auf dem Tisch, das gute Porzellan, es sollte schön sein. Im Restaurant musste es der Tisch mit dem schönsten Ausblick sein, auch wenn sich alle dafür ein paar Mal umsetzen mussten. Und wenn der Wein nicht schmeckte, ging der zurück. Als sie einmal in die Notaufnahme musste, sagte sie zum Arzt: „Herr Doktor, ich gebe Ihnen jetzt 20 Minuten, dass Sie mir ein Einzelzimmer finden.“
Abschied
Herz und Lunge wurden schwach, ihre Welt wurde kleiner, Schlafzimmer und Küche. Endlich akzeptierte sie einen Pflegedienst, aber nur vormittags. Lange hoffte sie, dass es eine Pille, ein Wunder geben würde, damit sie wieder ins Konzert, in die Oper, auf Reisen gehen konnte, auch wenn sie kaum noch etwas sah.
Eine Freundin brachte ihr eine Flasche mit, darin Ostseewasser, eine kleine Muschel und Sand. Gerda nahm die Muschel in den Mund, kostete das Salzwasser, war glücklich. Und sagte: „Ich glaube, es wird Zeit.“



