Als 1951 erstmals Nobelpreisträger zu einem Treffen an den Bodensee reisten, halfen alte Netzwerke aus dem Nationalsozialismus. Zum 75. Jubiläum der Tagung regt der Historiker Nils Hansson eine Aufarbeitung an. „Es gibt da einen blinden Fleck, über den es sich lohnt zu reden“, sagte Hansson dem SPIEGEL.
Hintergrund der Lindauer Treffen
Die Lindauer Nobelpreisträgertagungen, die seit 1951 jährlich stattfinden, gelten als renommierte Begegnung von Wissenschaftlern. Doch die Anfänge waren stark von Personen geprägt, die im Nationalsozialismus verstrickt waren. Hansson, der an der Universität Düsseldorf forscht, hat die Geschichte untersucht und stieß auf ein Netzwerk ehemaliger NSDAP-Mitglieder und -Mitläufer, die die Tagung organisierten und finanzierten.
„Viele der frühen Teilnehmer und Organisatoren hatten eine belastete Vergangenheit“, erklärte Hansson. „Sie nutzten ihre alten Kontakte, um die Tagung ins Leben zu rufen und zu etablieren.“ Dies sei ein „blinder Fleck“ in der sonst so glanzvollen Geschichte der Nobelpreisträgertreffen.
Historiker fordert Transparenz
Anlässlich des 75. Jubiläums, das am 2. Juli 2026 mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier als Festredner begangen wurde, forderte Hansson mehr Transparenz. „Es wäre an der Zeit, dass die Stiftung und die Universität die Rolle dieser Personen offenlegen und kritisch beleuchten“, sagte er. „Nur so kann man aus der Geschichte lernen.“
Der Historiker betonte, dass es nicht um eine Verurteilung gehe, sondern um eine differenzierte Betrachtung. „Viele dieser Wissenschaftler haben nach dem Krieg Bedeutendes geleistet. Aber das ändert nichts daran, dass sie Teil des NS-Systems waren und dieses System gestützt haben.“
Konkrete Beispiele
Hansson nannte konkrete Namen: Der Chemiker und spätere Nobelpreisträger Otto Hahn etwa, der zwar kein NSDAP-Mitglied war, aber mit dem Regime kooperierte. Auch der Physiker Werner Heisenberg, der am deutschen Uranprojekt beteiligt war, stand in der Kritik. Die Organisatoren der ersten Tagung, wie der Lindauer Arzt und spätere Ehrenbürger Franz Xaver Mayer, waren laut Hansson „tief in NS-Strukturen verwurzelt“.
„Es ist wichtig, diese Verbindungen zu dokumentieren, um ein vollständiges Bild der Wissenschaftsgeschichte nach 1945 zu zeichnen“, so Hansson. Er verwies auf Archive, die bisher kaum ausgewertet wurden.
Reaktionen der Stiftung
Die Lindauer Nobelpreisträgertagung e.V. zeigte sich auf Anfrage des SPIEGEL „offen für eine wissenschaftliche Aufarbeitung“. Eine Sprecherin erklärte: „Wir begrüßen jede seriöse Forschung zur Geschichte der Tagung. Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst und werden die Ergebnisse von Herrn Hansson prüfen.“
Bundespräsident Steinmeier, der die Festrede hielt, ging in seiner Ansprache nicht direkt auf die NS-Vergangenheit ein, betonte aber die Bedeutung von Wissenschaftsfreiheit und Demokratie. „Die Freiheit der Wissenschaft ist ein hohes Gut, das wir gegen jede Form von Totalitarismus verteidigen müssen“, sagte er.
Blick in die Zukunft
Hansson hofft, dass seine Anregung zu einer umfassenden historischen Studie führt. „Die Nobelpreisträgertagungen sind eine Erfolgsgeschichte. Aber jede Erfolgsgeschichte hat auch ihre Schattenseiten. Es ist an der Zeit, diese Schatten anzuerkennen und zu verstehen.“
Die Tagung in Lindau, die noch bis zum 7. Juli 2026 dauert, steht unter dem Motto „Wissenschaft für den Frieden“. Rund 600 Teilnehmer, darunter 40 Nobelpreisträger, diskutieren über aktuelle Forschungsthemen. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit könnte in den kommenden Jahren ein neuer Schwerpunkt der Veranstaltung werden.



