Ode ans Schlampigsein: Warum ich mit 43 absichtlich verwahrlose
Ode ans Schlampigsein: Warum ich mit 43 verwahrlose

Katharina Render (43) hat ihre Midlife-Crisis gefunden – und sie sieht nicht aus wie ein neuer Busen oder eine Ayurveda-Kur. Stattdessen wird sie zur „Schlampe“, wie sie selbst sagt. Allerdings nicht die aufregende Sorte, sondern die, die keine Unterhosen mehr aufklaubt, bevor Gäste kommen, und ihnen Gummibärchen in einer Plastik-Müslischüssel anbietet. Früher hätte sie Feigen ausgehöhlt und mit Mascarpone-Limetten-Creme gefüllt, jetzt beißt sie in alte Salzbrezeln und stellt sie in der aufgerissenen Tüte dazu.

Vom Perfektionismus zur Gelassenheit

Früher war Render die Frau mit einem ergonomischen Unkrautstecher, die samstags Löwenzahn aus dem Rasen zog und sich wie ein Großwildjäger fühlte. Sie wässerte den Rasen jeden Sommerabend, statt sich zu ihrem Mann und einem Glas Wein zu setzen. Die Betten waren gemacht, bevor die Sonne aufging, die Badabflüsse haarfrei, das Aquarium sauberer als manche Hotelpools. Sie arbeitete 40 Stunden, hatte zwei kleine Kinder und war trotzdem überzeugt, dass der Lavendel richtig geschnitten sein musste und kein Fingertapser auf der Küchenzeile zu sehen sein durfte.

Ihr Mann ist der Gegenentwurf: Bei ihm gibt es Kartons als Murmelbahnen, Stifte ohne Deckel, in den Teppich einmassierte Knete und benutzte Taschentücher an den unmöglichsten Orten. Render bekam regelmäßig Puls, die Kinder leuchtende Augen. Im Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist: Chaos“ war sie immer die Gewinnerin – und verlor damit Nerven und Lebensqualität.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Der Wendepunkt: Heulend im Flur

Vor ein paar Monaten stand Render heulend und brüllend im Flur: „Ich ziehe aus, ihr macht mich krank! Ich kann so nicht leben.“ Doch sie wusste genau, wer von beiden seine Zeit gesünder investiert. Ihre Töchter werden sich später an Murmelbahnen erinnern, nicht an kalkfreie Duschköpfe. Sie wollte nicht mehr die Spielverderberin sein, fühlte sich wie die strenge „Prusseliese“ bei Pippi Langstrumpf. Also ließ sie das Unkraut in den Blumenkübeln wachsen und die Kinder das teure Spielhäuschen kunterbunt bemalen.

Heute ist ihre Wohnung „gelebter“. Auf dem Klo klebt ein Katzenaufkleber, den sie nicht mehr richtig abgekriegt hat. Aus der Badewanne glotzen zwei zerrupfte Schminkköpfe. Im Flur lebt eine Socke ohne Partner. Wenn Besuch über die Unterhose ihres Mannes stolpert, denkt sie nicht mehr: Was müssen die Leute denken? Sondern: Soll er sich doch schämen. „Das Erstaunliche ist: Je mehr herumliegt, desto weniger Last liegt auf meinen Schultern“, schreibt Render.

Wissenschaftlicher Hintergrund: Perfektionismus als Qual

Render zitiert die kanadischen Psychologen Paul L. Hewitt (University of British Columbia) und Gordon L. Flett (York University in Toronto), die seit über drei Jahrzehnten Perfektionismus erforschen. Ihr Ergebnis: Perfektionismus ist keine Stärke, sondern kann „a tormenting way of going through life“ sein – eine quälende Art, durchs Leben zu gehen. Render findet den Gedanken gut, dass es besser ist, sich mehr mit Menschen zu beschäftigen als mit Staubkörnern – zumindest solange zwei kleine Chaotinnen ihr die liebsten Menschen sind.

Mit ihrem Abendglas Wein in der Hand blickt sie in die „Kreuzberger Steppe“, vormals als Rasen bekannt. Zwischendrin haben sich wilde Rucola-Inseln gebildet, Bienen summen um Pflanzen, die sie früher kompromisslos entfernt hätte. „Hübsch hässlich ist das“, resümiert sie. Ihr Haushalts-Downgrade liebt sie – es ist ihr Upgrade an Lebensqualität.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration