Ohne Wehrpflicht kein Zivildienst: Gesellschaft vergibt große Chance
Ohne Wehrpflicht kein Zivildienst: Chance vergeben

Mit der Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 verschwand auch der Zivildienst – still und leise, ohne große Debatte. Dabei war der Zivildienst weit mehr als nur eine Alternative zum Militärdienst. Er war ein soziales Scharnier, das junge Menschen mit dem Gemeinwesen verband. Heute, gut ein Jahrzehnt später, zeigt sich: Die Gesellschaft hat mit der Abschaffung eine große Chance vergeben, wie ein Kommentar in der Augsburger Allgemeinen feststellt.

Was mit der Wehrpflicht verloren ging

Der Zivildienst war für viele junge Männer der erste Kontakt mit sozialen Einrichtungen, mit Pflege, mit Menschen in schwierigen Lebenslagen. Er war ein praktischer Kurs in Sachen Solidarität und Mitmenschlichkeit. Wer heute in der Pflege oder im Rettungsdienst arbeitet, hat oft seine ersten Erfahrungen im Zivildienst gesammelt. Diese Erfahrung ist nicht einfach zu ersetzen.

Die Abschaffung der Wehrpflicht war damals eine richtige Entscheidung – aus militärischer Sicht. Die Bundeswehr wurde zur Berufsarmee, und der Zivildienst wurde als Anhängsel der Wehrpflicht gleich mit abgeschafft. Doch während die Wehrpflicht ausgesetzt wurde, hätte man den Zivildienst als sozialen Pflichtdienst für alle – Männer und Frauen – weiterführen können. Das ist nicht geschehen.

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Die Debatte um eine Dienstpflicht ist wieder da

Angesichts von Fachkräftemangel, überlasteten Pflegeeinrichtungen und einer alternden Gesellschaft wird die Debatte um eine allgemeine Dienstpflicht wieder lauter. Politiker von Union und SPD, aber auch von FDP und Grünen, haben in den vergangenen Jahren immer wieder Modelle eines verpflichtenden sozialen Jahres ins Gespräch gebracht. Die einen fordern eine Pflichtzeit für alle jungen Menschen, die anderen setzen auf Freiwilligkeit und Anreize.

Doch die Skepsis ist groß. Eine Pflichtdienstzeit würde in die Grundrechte eingreifen, sie müsste verfassungsrechtlich abgesichert werden. Auch die Finanzierung ist ungeklärt: Wer soll die Unterkunft, die Verpflegung, das Taschengeld bezahlen? Und wie viele junge Menschen wären überhaupt bereit, ein solches Jahr zu leisten? Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov aus dem Jahr 2023 ergab, dass sich nur 39 Prozent der 18- bis 29-Jährigen für ein verpflichtendes soziales Jahr aussprechen, während 51 Prozent dagegen sind.

Die Chance, die vertan wurde

Die Abschaffung des Zivildienstes war auch eine verpasste Chance für die Integration und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der Zivildienst brachte junge Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und Milieus zusammen. Sie lernten, Verantwortung zu übernehmen und sich für andere einzusetzen. Das ist heute, in einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Spaltung, wichtiger denn je.

Ein soziales Pflichtjahr könnte auch einen Beitrag zur Berufsorientierung leisten. Viele junge Menschen wissen nach der Schule nicht, welchen Beruf sie ergreifen sollen. Ein Jahr in der Pflege, im Umweltschutz oder in der Jugendarbeit könnte helfen, Talente zu entdecken und den eigenen Horizont zu erweitern. Studien zeigen, dass Freiwilligendienste die berufliche Entwicklung positiv beeinflussen und die Beschäftigungsfähigkeit erhöhen.

Was jetzt zu tun wäre

Statt über die Wiedereinführung einer Pflicht zu streiten, sollte der Staat die Freiwilligendienste stärken und ausbauen. Das Bundesfreiwilligendienstgesetz von 2011, das als Ersatz für den Zivildienst geschaffen wurde, hat jedoch nie die gleiche Bedeutung erlangt. Die Zahl der Freiwilligen ist rückläufig: Waren es 2012 noch rund 38.000, so sank die Zahl bis 2023 auf etwa 25.000. Gründe sind unter anderem die längere Schulzeit, die Verdienstmöglichkeiten in anderen Bereichen und die fehlende gesellschaftliche Anerkennung.

Es wäre an der Zeit, den Freiwilligendienst attraktiver zu machen – etwa durch eine bessere Vergütung, mehr Flexibilität und eine stärkere Anerkennung bei der Studienplatzvergabe oder der Rente. Auch eine Verkürzung der Schulzeit könnte den Weg für ein Freiwilligenjahr ebnen. Und nicht zuletzt braucht es eine gesellschaftliche Debatte darüber, was uns Solidarität wert ist – und wie wir sie organisieren wollen.

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Der Zivildienst war ein Produkt seiner Zeit, aber die Werte, für die er stand, sind zeitlos. Es wäre ein Gewinn, wenn die Gesellschaft diese Werte wieder stärker in den Mittelpunkt stellte – nicht durch Zwang, sondern durch Überzeugung und gute Rahmenbedingungen.