Seit 30 Jahren arbeite ich als Paartherapeutin. Seitdem habe ich nahezu täglich Männer und Frauen vor mir sitzen, die in ihrer Beziehung nicht weiterkommen. Die Anliegen der Paare haben sich im Laufe der Jahre etwas verändert, aber die Sorgen und Konflikte sind ziemlich gleichgeblieben: wiederkehrende Streitgespräche, Affären und Vertrauensverlust, sexuelle Unzufriedenheit. In den vergangenen Jahren kamen Themen wie offene Beziehungen und Polyamorie hinzu.
Die Rolle der Therapeutin: Neutralität als Grundpfeiler
Vor kurzem schrieb eine Kollegin, in Paarberatungen hätten Frauen oft allen Grund zur Klage. Ihr falle es zunehmend schwer, neutral zu bleiben. Ich finde dagegen: Genau das ist mein Job. Als Therapeutin darf ich mich nicht auf eine Seite stellen. Der Mann ist nicht immer das Problem in der Beziehung. Meine Aufgabe ist es, beiden Partnern gerecht zu werden und einen sicheren Raum zu schaffen, in dem beide gehört werden.
In meiner Praxis erlebe ich immer wieder, dass sowohl Männer als auch Frauen zu Konflikten beitragen. Es wäre unprofessionell, pauschal eine Seite zu bevorzugen. Neutralität bedeutet nicht, keine Meinung zu haben, sondern die Perspektive jedes Einzelnen zu verstehen und wertzuschätzen.
Veränderte Themen, gleichbleibende Dynamiken
Die klassischen Konflikte wie Kommunikationsprobleme oder Eifersuchtsdramen sind nach wie vor präsent. Neu hinzugekommen sind Diskussionen über Beziehungsmodelle, die von der Norm abweichen. Viele Paare ringen mit der Frage, ob eine offene Beziehung ihre Probleme lösen könnte. Doch oft zeigt sich, dass die zugrundeliegenden Schwierigkeiten dieselben sind – mangelndes Vertrauen, unterschiedliche Bedürfnisse oder unausgesprochene Erwartungen.
In solchen Fällen ist es wichtig, nicht vorschnell zu urteilen, sondern die individuellen Beweggründe zu ergründen. Eine gute Paartherapie hilft den Partnern, ihre eigenen Anteile zu erkennen und neue Wege zu finden.
Die Gefahr der Voreingenommenheit
Wenn eine Therapeutin sich auf eine Seite schlägt, verliert sie nicht nur ihre Glaubwürdigkeit, sondern gefährdet auch den Therapieerfolg. Der benachteiligte Partner würde sich nicht mehr öffnen, die Spannungen würden sich verstärken. Meine Kollegin mag gute Absichten haben, doch ihre Haltung ist kontraproduktiv.
Ich selbst achte streng darauf, keine Wertungen abzugeben. Stattdessen frage ich nach: „Wie ist das für Sie?“ oder „Was brauchen Sie in dieser Situation?“ So bleibe ich neutral und fördere gleichzeitig die Selbstreflexion.
Fazit: Neutralität ist keine Schwäche, sondern Stärke
Paartherapie erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Empathie. Die Kunst besteht darin, beide Perspektiven zu würdigen, ohne Partei zu ergreifen. Nur so kann Vertrauen entstehen und echte Veränderung möglich werden. Männer sind nicht per se das Problem – und Frauen nicht per se die Opfer. Jede Beziehung ist einzigartig, und meine Aufgabe ist es, den Raum für Verständnis und Wachstum zu öffnen.



