Patrice Aminati beim BILD-Krebstalk: „Ich ziehe die Perücke ab und bin erstmal platt“
Patrice Aminati: „Ich ziehe die Perücke ab und bin platt“

Patrice Aminati beim großen BILD-Krebstalk: „Ich ziehe die Perücke ab und bin erstmal platt“

Jedes Jahr erkranken etwa 500.000 Deutsche neu an Krebs. Beim BILD-Krebstalk sprachen Patienten darüber, was sie wirklich bewegt. Patrice Aminati erzählte von ihrer eigenen Erkrankung.

Berlin – Es sind Sätze, die im Raum hängen bleiben. Sätze, die treffen. „Ich lebe in einer neuen, starken Abhängigkeit und versuche trotzdem, so unabhängig wie möglich zu bleiben“, sagt Patrice Aminati (31). Die junge Mutter erzählte beim ersten BILD-Krebstalk im Wartezimmer am Dienstag von einem Leben, das sich über Nacht verändert hat. Autofahren? Nicht mehr möglich. Alltag? Nur mit Hilfe.

Hinter der Influencerin liegen drei Jahre Therapie, drei Jahre Kampf gegen schwarzen Hautkrebs, der mittlerweile in einige Organe gestreut hat. „Drei Jahre Therapie und Abhängigkeit sind irgendwann ermüdend, traurig“, sagte sie. Und doch: Aufgeben ist keine Option. Sie rät dazu, Dinge immer sofort zu tun, nicht auf den richtigen Moment zu warten. Ihr großer Halt sind ihre Eltern, bei denen sie mittlerweile wieder wohnt: Ihre Mutter hilft im Alltag, fährt sie und ihre dreijährige Tochter überall hin, ihr Vater kümmert sich um Besorgungen und Papierkram. „Dieses Netz ist absolut unabdingbar, ich bin selbst zu vielem gar nicht mehr in der Lage“, sagte Patrice Aminati. „Nach der Veranstaltung weiß ich, ich lege mich ins Auto, ich ziehe mir die Perücke runter und bin erst mal platt und kann nicht mehr reden.“

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Auch andere Betroffene sprachen beim BILD-Krebstalk offen. Über Angst. Über Verlust. Aber auch über neue Stärke. „Es ist bemerkenswert, wenn es uns gelingt, das Wunder zu sehen, was hier in diesem Raum sitzt, statt auf ein Wunder zu warten. Einer betroffenen Frau würde ich sagen: Es reicht, wenn wir die Berge besteigen, wenn sie da sind und nicht, wenn sie irgendwann kommen“, rät Brustkrebspatientin und Schlagfertigkeitscoach Nicole Staudinger anderen Betroffenen.

BILD hat diesen Betroffenen eine Stimme gegeben: Rund 50 Patienten, Angehörige und Experten tauschten sich im Axel-Springer-Neubau darüber aus, was die Krankheit wirklich bedeutet. Brustkrebspatientin und Schlagfertigkeitscoach Nicole Staudinger hielt einen Impulsvortrag darüber, welche Kommunikations-Fallstricke es beim Umgang mit Krebs-Patienten gibt.

„Krebs ist ein Teil des Lebens“

Krebs ist nicht nur eine Krankheit, es ist ein Einschnitt ins Leben verbunden mit Sprachlosigkeit, Scham und anhaltender Unsicherheit. Ulrike Döpfner (58) erhielt im Herbst 2023 die Diagnose Liposarkom. Ein bösartiger, leider oft schnell wachsender und komplexer Tumor des Weichteilgewebes. Sie sagte, ganz oben auf der Hitliste der Sätze, die ihr einen Schlag in die Magengrube versetzt haben, war „Naja, im Vergleich zu dir ist das ja gar nichts.“ „Man will nicht immer wissen, dass man im Ranking schlimmer Sachen ganz weit oben steht“, erklärte sie. Deshalb rät Prof. Anja Mehnert-Theuerkauf Patienten: „Wichtig ist, dass jeder selbst entscheiden kann, wem er wann wie viel erzählt.“ Ulrike Döpfner drehte ihre Krankheit schließlich in etwas Positives und schrieb ein Buch über ihre Erfahrungen. „Die Psychologen nennen das Phänomen, dass viele Menschen, die eine schwere Krise durchgemacht haben, aus dieser Erfahrung gestärkt hervorgehen: Posttraumatisches Wachstum.“

Und Onkologe Prof. Dr. Martin Schuler betonte, dass bei einer Krebserkrankung die gesamte Familie betroffen sei. „Gerade beim ersten Gespräch muss immer eine Person mitkommen. Krebs ist ein Teil des Lebens, aber man muss auch noch andere Ziele und Themen haben, selbst, wenn man in der palliativen Situation ist.“ Er rät von Motivationssprüchen ab.

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Wenn Aufgeben keine Option ist

Rund 74.500 Frauen pro Jahr erkranken in Deutschland an Brustkrebs. Drei Frauen erzählten beim BILD-Krebstalk von ihrer Diagnose. Alle waren zu dem Zeitpunkt sehr jung. Katia Pott (37) erhielt im November 2023, kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes, die Diagnose eines besonders aggressiven Brustkrebses. Sie hatte beim Stillen einen Knoten ertastet. Carolin Kotke war 29, als ihr 2017 wenige Monate nach der Vorsorge ein Knubbel in der Brust auffiel und Nicole Staudinger (44) fühlte an ihrem 32. Geburtstag eine Veränderung beim Duschen. Drei Frauen, drei Schicksale, drei unterschiedliche Tumore. Prof. Nina Ditsch vom Brustzentrum in Augsburg betonte die Bedeutung der genauen Tumor-Analyse, um zielgerichtet in die individuellen Therapieformen zu gehen. Moderne Behandlungsmethoden wie sogenannte Antikörper-Wirkstoff-Konjugate gäben vielen Patientinnen Hoffnung, bei denen vor ein paar Jahren die Möglichkeiten ausgeschöpft gewesen wären.

Auch Katia Pott hörte im Verlauf ihrer Erkrankung mehrfach, dass man ihr nicht mehr helfen könne. Aber aufgeben war für die junge Mutter keine Option. Sie fand Studien im Ausland, pendelte zunächst in die USA und mittlerweile nach Spanien, um auf ihren Tumor zugeschnittene neue Medikamente zu erhalten. Im Gespräch wurde klar, wie wichtig das Zusammenspiel aus informierter Patientin und spezialisierter Ärztin für eine passgenaue, wirksame Behandlung ist.

„Ich habe immer für das Leben gekämpft“

Als Nadja Will, Expertin für Krebskommunikation und Brustgesundheit, die Diagnose Brustkrebs erhielt, wurde aus der ehemaligen Anästhesie-Pflegerin plötzlich selbst eine Patientin. In einem Impulsvortrag sprach sie darüber, wie wichtig Menschlichkeit im Umgang mit Betroffenen ist. Sie erinnerte sich an Untersuchungen, Wartezimmer und Klinikflure, auf denen sie sich oft nicht als Mensch, sondern vor allem als Diagnose wahrgenommen fühlte. „Die Atmosphäre entscheidet darüber, wie ich tatsächlich mich als Mensch fühle“, sagte Will. Dabei gehe es häufig um kleine Dinge: einen Blick, ein Lächeln oder darum, dass jemand einfach bleibt und zuhört. Besonders wichtig ist ihr im Umgang mit Krebs diese Botschaft: „Ich habe ja nie dagegen gekämpft. Ich habe immer für das Leben gekämpft“, sagte Will.

Um positive Blickwinkel und Perspektiven ging es auch bei der Frage, wie der Krebs das Leben von Patienten beeinflusst hat. Patrice Aminati trauere dem Leben vor der Diagnose nicht hinterher, habe aber bestimmte Möglichkeiten verloren, etwa weitere Kinder zu bekommen. Gleichzeitig erklärte sie, die Krankheit habe ihr auch neue Perspektiven gegeben: „Ich weiß das Leben viel besser zu schätzen.“

Influencerin Julia Holz erkrankte vor drei Jahren an Gebärmutterhalskrebs. Heute ist sie krebsfrei und sagt über sich selbst, sie sei früher sehr materialistisch gewesen und habe vor ihrer Erkrankung vor allem gearbeitet. Heute lege sie deutlich mehr Wert auf Zeit. „Ich möchte einfach die schönen kleinen Dinge des Lebens genießen.“