Historiker Werner Plumpe über das vergessene Erfolgsrezept Deutschlands
Deutschland gilt als Land, das aus seiner Geschichte gelernt hat – doch in der Wirtschaftspolitik scheint diese Lektion vergessen. Dabei gab es eine Zeit, in der Deutschland seinen Nachbarn hinterherhinkte und aus eigener Kraft einen beispiellosen Aufstieg schaffte. Konzerne wie BASF, Bayer, Siemens, Thyssen, Hapag, Allianz und Continental wurden gegründet und sichern bis heute den Wohlstand. Doch während Regierung und Ökonomen nach Wachstumsrezepten suchen, wird diese Epoche kaum beachtet. Der renommierte Wirtschaftshistoriker Prof. Werner Plumpe von der Goethe-Universität Frankfurt sprach im Geschichts-Podcast ZEITREISE über die Lehren aus dem 19. Jahrhundert.
Von Hungersnöten zur Wirtschaftsmacht
Bis zur Gründung des Kaiserreichs 1871 war Deutschland kein Nationalstaat, sondern ein „Flickenteppich von mehr oder weniger teilsouveränen Staaten“, so Plumpe. Noch in den 1840er Jahren herrschten Hungersnöte, viele Deutsche wanderten verzweifelt in die USA aus. Doch dann begann der Aufstieg. Entscheidend war das Bildungssystem: „Vor dem Ersten Weltkrieg beschäftigte Bayer allein mehr akademisch gebildete Chemiker als die ganze englische chemische Industrie“, betont Plumpe. Der Staat förderte Universitäten und technische Hochschulen großzügig, was zu anwendungsnahen Studiengängen und gut ausgebildeten Fachkräften aus der handwerklichen Tradition führte. Heute sieht Plumpe ein zentrales Problem: „Wir haben zu viele wenig qualifizierte und zu wenige hochqualifizierte Arbeitskräfte.“
Unternehmertalente und billige Energie
Das Deutschland von 1850 bis 1914 war „sehr reich an Unternehmertalenten“, so Plumpe. Emil Rathenau (AEG), Karl Duisberg (Bayer), August Thyssen, Albert Ballin (Hapag), Carl Zeiss und Hermann Tietz (Hertie) waren „findige Menschen, die die Chancen gesehen und genutzt haben“. Sie orientierten sich zunächst am Ausland, entwickelten aber schnell eigene Fähigkeiten: „Man baut eben nicht nur englische Lokomotiven nach, sondern entwickelt eigene.“ Ein weiterer Erfolgsfaktor war die billige Energie. Die Kohleförderung stieg von zwei Millionen Tonnen (1850) auf 140 Millionen Tonnen (1914). Ohne günstige Energie sei der Aufstieg „ausgeschlossen“, sagt Plumpe.
Der schlanke Staat als Erfolgsfaktor
Die Staatsquote lag vor 1914 bei etwa 15 Prozent – heute bei rund 50 Prozent. Damals waren weniger als zwei Millionen Menschen im öffentlichen Dienst beschäftigt, hauptsächlich bei Bahn und Post. Heute sind es fast acht Millionen, obwohl Bahn und Post privatisiert sind. „Seit den 1990er Jahren gab es de facto eine Aufgabe der staatlichen Infrastrukturinvestitionen“, kritisiert Plumpe. Unternehmen waren zufrieden, wenn der Staat „die allgemeine Verwaltung im Griff hatte, wenn die Straßen funktionierten, wenn Eisenbahntarife in Ordnung waren, wenn die Post einigermaßen pünktlich war – die kam dreimal am Tag, siebenmal in der Woche.“
Produktivität und innere Abwertung
Das Erfolgsgeheimnis des Kaiserreichs war Produktivität: Die Arbeitskosten stiegen, blieben aber wettbewerbsfähig. Ein preußischer Beamter antwortete auf die Frage nach dem Geheimnis: „Wir haben uns hochgehungert.“ Diese Fähigkeit zur inneren Abwertung – durch Lohnzurückhaltung und Sparen – sieht Plumpe heute verloren. „Heute gibt es die Selbstillusion des Spruchs ‚Wir sind ein reiches Land, das müssen wir uns leisten können‘.“ Er vergleicht Deutschland mit einem Menschen, der „vor einem vollen Kühlschrank steht und sagt: ,Uns geht’s so herrlich‘ – ohne zu wissen, ob man ihn am Wochenende wieder füllen kann.“



