Nach dem überraschenden Rücktritt von Jens Spahn als Vorsitzender der Unionsfraktion steht Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) vor einer wegweisenden Personalentscheidung. Merz kündigte im ZDF-„Sommerinterview“ an, „relativ bald“ einen Vorschlag für die Nachfolge zu machen, betonte aber zugleich: „Es drängt uns jetzt die Zeit nicht.“ Die Entscheidung soll noch während der parlamentarischen Sommerpause fallen. Gleichzeitig ließ Merz durchblicken, dass der Wechsel an der Fraktionsspitze eine Gelegenheit sein könnte, „noch einmal über die Aufstellung der Bundesregierung nachzudenken“ – was auf einen möglichen größeren Umbau hindeutet.
Zeitplan und Verfahren: Präsidium tagt am Montag
Das oberste Führungsgremium der CDU wird am Montag in einer Präsidiumssitzung über die Lage beraten. Parallel muss sich Merz mit Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder abstimmen, denn über den Vorschlag für den Fraktionsvorsitz entscheiden beide Parteichefs gemeinsam. Allerdings gibt es in der Fraktion deutliche Warnungen, dass Merz den Abgeordneten keinen Kandidaten einfach vorsetzen dürfe. In einer Schalte des Fraktionsvorstands am Sonntag war dies der Tenor. Die Vorsitzenden der CDU-Landesgruppen erwarten, dass Merz sich mit ihnen abstimmt. Erste Gespräche fanden nach Informationen des Handelsblatts bereits statt.
Die fünf Kandidaten im Überblick
In Regierungs- und Unionskreisen werden derzeit vor allem fünf Personen als mögliche neue Fraktionschefs genannt. Sollte Merz einen amtierenden Minister zum Fraktionschef machen, wäre ein weiterer Umbau im Kabinett nötig. Über seine Minister kann Merz in Abstimmung mit der Partei entscheiden, eine Rücksprache mit den SPD-Chefs Bärbel Bas und Lars Klingbeil gehört jedoch zum üblichen Prozedere.
Thorsten Frei: Der Kanzleramtschef als Favorit
Thorsten Frei, derzeit Chef des Bundeskanzleramts, wird am häufigsten genannt. Der 52-Jährige war in der vergangenen Legislaturperiode Erster Parlamentarischer Geschäftsführer (PGF) unter dem damaligen Fraktionschef Merz und kennt die Abläufe bestens. Viele Abgeordnete loben seine Arbeit aus dieser Zeit. Allerdings gibt es Kritik an seinem Wirken als Kanzleramtschef, weil die Koordination zwischen Ministerien, Koalitionspartner und Parlamentariern nicht reibungslos funktioniert. Ihm wird unterstellt, dass er sich auf dem Posten nicht wohlfühle, was er jedoch stets zurückgewiesen hat. Sollte Frei Fraktionschef werden, bräuchte Merz einen neuen Kanzleramtschef – einen engen Vertrauten, von denen er nicht viele hat, der zudem gut mit Vizekanzler Klingbeil und der SPD zusammenarbeiten kann.
Günter Krings: Der Strippenzieher im Hintergrund
Günter Krings, stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion, wird für zwei Positionen gehandelt: Fraktionschef oder Kanzleramtschef. Der 56-Jährige ist bisher als Stellvertreter für Inneres, Recht und Verbraucherschutz zuständig. Er gilt als taktisch erfahren und kann gut im Hintergrund die Fäden ziehen – Eigenschaften, die für einen Kanzleramtschef ideal sind. Sollte Frei im Kanzleramt bleiben, könnte Krings Fraktionschef werden. Er führt die mächtige Landesgruppe Nordrhein-Westfalen an, womit der Länderproporz gewahrt bliebe: Spahn, Krings und Merz stammen alle aus NRW. Dass Merz Krings für höhere Aufgaben vorsieht, zeigte sich im vergangenen Jahr, als er ihn als Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung installieren wollte – ein Vorhaben, das in einer Kampfabstimmung gegen Annegret Kramp-Karrenbauer scheiterte.
Nina Warken: Die Gesundheitsministerin als Überraschungskandidatin
Nina Warken, Bundesgesundheitsministerin, wird intern zunehmend als Kandidatin genannt. Sie hat mit der Reform der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) Geschick und Durchsetzungsvermögen bewiesen. „Es sei ihr gelungen, ein extrem heikles Gesetz nicht nur durch das Kabinett, sondern auch durch das parlamentarische Verfahren zu bringen“, loben einige in der Union. Warken war von 2021 bis 2025 Parlamentarische Geschäftsführerin und kennt die Fraktionsabläufe. Sie ist zudem Vorsitzende der Frauen-Union und in der Partei beliebt. „Ich kenne eigentlich niemanden, der sie nicht mag“, sagt ein hochrangiger CDU-Politiker. Ihre Ernennung wäre auch ein deutliches Signal in der Debatte um Leihmutterschaft. Merz wies den Vorwurf, zu wenig Frauen in Führungspositionen zu bringen, zwar zurück, fügte aber hinzu: „Ich tue alles, um das noch besser zu machen.“
Carsten Linnemann: Der treue Wegbereiter
Carsten Linnemann, CDU-Generalsekretär, zählt zu den treuesten Wegbereitern von Merz. Als Chef der Mittelstandsunion unterstützte er Merz bis zum Parteivorsitz, als Generalsekretär managte er den Bundestagswahlkampf. Doch bei der Regierungsbildung ging Linnemann leer aus: Arbeits- und Finanzministerium gingen an die SPD. Merz bot ihm das Wirtschafts- oder Gesundheitsministerium an, was Linnemann ablehnte. Seither gilt das Verhältnis als belastet. Trotzdem wird spekuliert, ob Merz ihn zum Fraktionschef machen könnte. Unklar ist, ob Linnemann überhaupt wechseln will. Wegen der anstehenden Landtagswahlen, bei denen der CDU Niederlagen drohen, könnte es in der CDU-Zentrale ungemütlich werden. Einige in der Union meinen, der 48-Jährige halte lieber Sicherheitsabstand zur Regierung. Zudem fehlten ihm Qualitäten für das anspruchsvolle Amt.
Alexander Dobrindt: Der CSU-Mann mit dem falschen Parteibuch
Alexander Dobrindt (CSU), Bundesinnenminister, gilt vielen als erfolgreichstes Regierungsmitglied. Er hat die Migrationswende geräuschlos umgesetzt und damit eines der zentralen Wahlversprechen eingelöst. Beim CSU-Parteitag Ende vergangenen Jahres wurde er wie ein Star gefeiert. Als langjähriger Vorsitzender der CSU-Landesgruppe war er quasi der zweite Chef der Unionsfraktion. Zudem hat er Qualitäten als ausgleichender Verhandler bewiesen, etwa bei den Reformverhandlungen innerhalb der schwarz-roten Koalition und bei der Grundgesetzänderung zur Schuldenbremse. Allerdings hat der CSU-Politiker nach den Gepflogenheiten der Union das falsche Parteibuch: Der Posten des Unionsfraktionsvorsitzenden geht unter einem CDU-Kanzler traditionell an CDU-Politiker. Dobrindt würde auf Vorbehalte bei CDU-Landesverbänden stoßen, hieß es in der Union – das wäre einigen zu viel Macht für die CSU.
Ausblick: Entscheidung in den kommenden Wochen
Merz will die Personalie noch in der Sommerpause klären. Der Druck ist hoch: Die Umfragewerte sind schlecht, die Kritik an Kanzler und Koalition wächst. Ein Befreiungsschlag könnte gelingen, wenn Merz mit der Neubesetzung auch einen Umbau der Regierung verbindet. Die kommenden Tage werden zeigen, ob er sich für einen der fünf Kandidaten entscheidet oder eine Überraschung parat hat.



