Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) hat einen Gesetzentwurf vorgelegt, der die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern soll. Das Ziel: Mehr Väter in Elternzeit, mehr Kinder in Kitas, schnellere Rückkehr von Müttern in den Job. Doch die geplanten Änderungen greifen nach Einschätzung von Expertinnen und Experten zu kurz. Die Soziologin Jutta Allmendinger kritisiert in einer Kolumne für den Tagesspiegel, dass die Reform zwar richtige Absichten verfolge, aber das System nicht grundlegend verändere.
Elterngeld: Nur 46 Prozent der Väter beziehen Leistung
Der Anteil der Väter, die Elterngeld beziehen, liegt seit Jahren bei rund 46 Prozent. Eine Steigerung allein durch den neuen Entwurf sei nicht zu erwarten, so Allmendinger. Studien zeigten, dass viele Väter sich eine partnerschaftliche Aufteilung wünschten. Allerdings scheiterten diese Pläne oft an den ökonomischen Realitäten: Mütter verdienen im Schnitt weniger, das Ehegattensplitting begünstigt traditionelle Rollenmuster, und das Elterngeld ersetzt maximal 67 Prozent des vorherigen Nettoeinkommens. Die geplante Anhebung von Mindest- und Höchstbetrag werde daran wenig ändern.
Kita-Ausbau: Bund kürzt Mittel trotz steigender Nachfrage
Derzeit besuchen nur rund 39 Prozent der Ein- und Zweijährigen eine Kindertagesstätte – mit großen regionalen Unterschieden zwischen Ost und West. Um die Quote zu erhöhen, seien mehr Plätze, Fachkräfte und längere Öffnungszeiten nötig. Stattdessen plant der Bund, die Mittel für die Kindertagesbetreuung schrittweise zu senken. Allmendinger nennt dies einen Widerspruch: „Der Bund erwartet also mehr vom System und stellt ihm gleichzeitig weniger Mittel zur Verfügung.“
Lücke zwischen Elterngeldende und Kita-Eingewöhnung
Ein oft übersehenes Detail sei die zeitliche Lücke zwischen dem Ende des Elterngeldbezugs nach zwölf Monaten und dem Beginn des Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz mit dem 13. Lebensmonat. Eingewöhnungen dauerten Wochen, viele Kitas nähmen Kinder nur zu festen Terminen auf. „Familien können ihre Geburten jedoch nicht nach dem Aufnahmezyklus der Einrichtungen planen“, so Allmendinger. An solchen Übergängen entscheide sich, ob Reformen im Alltag funktionierten.
Einkommensgrenze von 175.000 Euro: Warum gerade diese Schwelle?
Die geplante Einkommensgrenze von 175.000 Euro für den Elterngeldbezug wirft Fragen auf. Eine niedrigere Grenze hätte den Umverteilungseffekt erhöht und mehr finanzielle Spielräume für Familien geschaffen, die Unterstützung tatsächlich benötigen. Allmendinger kritisiert, dass die Reform „einzelne Regeln, nicht aber das System“ verändere. Familienpolitik werde in Deutschland noch immer in Einzelmaßnahmen gedacht: hier das Elterngeld, dort die Kita, an anderer Stelle das Steuerrecht. Familien erlebten diese Bereiche jedoch nicht getrennt, sondern als ihren Alltag.
Fazit: Mehr Verzahnung nötig
Für eine gleichberechtigte, kinder- und familienfreundliche Gesellschaft brauche es eine Politik, die Arbeitsmarkt, Steuerrecht, Lohnpolitik, Kinderbetreuung und Familienleistungen konsequent aufeinander abstimme. Solange diese Verzahnung fehle, würden Reformen immer wieder an denselben Widersprüchen scheitern. Allmendinger betont: „Familien verändern ihr Leben nicht wegen politischer Absichten. Sie verändern es, wenn der Staat die dafür notwendigen Bedingungen schafft.“



