Rikscha-Protest: Wie ein SPIEGEL-Leser Strauß bei den Wagner-Festspielen traf
Rikscha-Protest: SPIEGEL-Leser traf Strauß bei Wagner-Festspielen

Ein Foto zeigt einen jungen Mann mit Rikscha vor dem Festspielhaus in Bayreuth. Der Mann ist Heinz Merz, damals SPIEGEL-Leser und politisch eher desinteressiert. Doch dann explodierte am 26. April 1986 der Reaktor im Kernkraftwerk Tschernobyl. Merz beschloss, etwas zu tun. Er fuhr mit einer Rikscha zu den Wagner-Festspielen, um den damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß zu treffen.

Vom unpolitisch zum Aktivisten

Heinz Merz war 1986 Mitte 30 und hatte sich bis dahin kaum für Politik interessiert. Die Nachricht von Tschernobyl änderte alles. „Ich war schockiert und wütend“, erinnert sich Merz. „Strauß war damals einer der größten Befürworter der Kernkraft. Ich wollte ihm persönlich sagen, dass das nicht weitergehen kann.“ Merz, der in einer Kleinstadt lebte, suchte nach einer originellen Protestform. Er entschied sich für eine Rikscha, die er sich von einem Freund lieh.

Die Rikscha war ein auffälliges Gefährt, bunt bemalt und mit einem Transparent versehen. Darauf stand: „Strauß, steig um auf Rikscha – keine Atomkraft“. Merz radelte die 30 Kilometer von seiner Heimatstadt nach Bayreuth. Die Fahrt dauerte mehrere Stunden, doch er war entschlossen.

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Die Ankunft in Bayreuth

Am 25. Juli 1986, dem ersten Tag der Festspiele, erreichte Merz das Festspielhaus. Die Straßen waren voller Besucher in Abendkleidung und Smokings. Merz fiel mit seiner Rikscha sofort auf. „Die Leute haben gestaunt, manche haben gelacht“, sagt er. Er stellte die Rikscha direkt vor dem Haupteingang ab und wartete auf Strauß.

Der Ministerpräsident kam tatsächlich. Er war in Begleitung von Sicherheitsbeamten und schritt zügig auf den Eingang zu. Merz rief ihm etwas zu, doch Strauß winkte nur ab und verschwand im Gebäude. „Er hat mich nicht einmal angesehen“, bedauert Merz. „Das war enttäuschend.“ Dennoch war der Protest nicht umsonst. „Ich habe gesehen, dass man auch als Einzelner etwas bewirken kann. Die Rikscha war ein Symbol.“

Die Folgen des Protests

Der Vorfall fand kein großes Medienecho, aber in der lokalen Presse wurde darüber berichtet. Merz erhielt einige zustimmende Briefe und wurde in seinem Bekanntenkreis bekannt. „Einige fanden es albern, andere bewunderten meinen Mut“, sagt er. Politisch änderte sich für Merz wenig. Er blieb parteilos, aber engagierte sich fortan in der Anti-Atomkraft-Bewegung.

Das Foto, das ihn mit der Rikscha zeigt, wurde von einem Freund aufgenommen. Es hing jahrelang bei Merz zu Hause an der Wand. Heute, 40 Jahre später, blickt er mit gemischten Gefühlen zurück. „Es war eine verrückte Aktion, aber ich bereue nichts.“ Die Erinnerung an Tschernobyl und die Begegnung mit Strauß prägten sein Leben.

Heinz Merz lebt heute in derselben Kleinstadt. Die Rikscha ist längst verschrottet, aber das Transparent hat er aufgehoben. „Manchmal denke ich, dass die Welt heute anders aussähe, wenn mehr Leute solche verrückten Ideen gehabt hätten“, sagt er.

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