Ein Fensterbruch an einer Ryanair-Boeing 737 NG auf dem Flug von Thessaloniki nach Memmingen am Freitagmorgen hat einen Passagier fast aus der Kabine gesogen. Der nächstplatzierte Reisende wurde nach Zeugenaussagen mit Kopf und Schultern durch die entstandene Öffnung gezogen und konnte nur mit Mühe von anderen Passagieren zurückgehalten werden. Die Maschine kehrte daraufhin zum Startflughafen Thessaloniki zurück. Der Vorfall ereignete sich kurz nach dem Start und führte zu einem Druckabfall in der Kabine, woraufhin die Sauerstoffmasken herunterfielen.
Experte: Einzelfall mit extrem seltenem Verlauf
Der Luftfahrtsachverständige Harald Hanke, emeritierter Professor für Luftfahrtelektronik und ehemaliger Pilot, bewertete den Zwischenfall gegenüber der Deutschen Presse-Agentur als Einzelfall. „Eigentlich kommt so etwas sehr selten vor“, erklärte Hanke. Die Fenster von Passagierflugzeugen bestünden aus drei verschiedenen Acryl-Scheiben, die extremen Druck- und Temperaturunterschieden standhielten. Als mögliche Ursache nannte Hanke ein technisches Problem am rechten Triebwerk: Möglicherweise habe sich ein Teil einer Turbinenschaufel gelöst, das dann aus dem Motor geschleudert worden sei und das Fenster beschädigt habe. Die zuständigen Behörden müssten den Fall nun gründlich untersuchen.
Ryanair bestätigt Vorfall – Ursache noch unklar
Ryanair bestätigte gegenüber dem SPIEGEL und der dpa, dass sich kurz nach dem Start ein Passagierfenster gelöst hatte. Wie es zu dem Zwischenfall kam, ist noch unklar. Die Boeing 737 NG gilt als sicher und zuverlässig. Sie ist das Vorgängermodell der 737 Max, die nach zwei Abstürzen in Indonesien und Äthiopien in den Jahren 2018 und 2019 grundlegend überarbeitet werden musste. Laut Daten der Plattform „FlightRadar24“ war dasselbe Flugzeug bereits am Donnerstag bei einem Flug von Thessaloniki Richtung Sarajevo vorzeitig zum Startflughafen zurückgekehrt. Auf SPIEGEL-Anfrage machte Ryanair zunächst keine Angabe zu den Gründen für diesen früheren Zwischenfall.
Druckunterschiede als Ursache für Sogwirkung
Dass Passagiere mit großer Kraft in Richtung und teilweise durch geplatzte Fenster gesogen werden, liegt laut Luftfahrtexperte Hanke an den Druckunterschieden zwischen dem Kabineninnenbereich und dem Außenbereich des Flugzeugs. Die Passagierkabine werde im Flug auf einem für Menschen erträglichen Luftdruck gehalten, der in großer Höhe deutlich über dem der Umgebungsluft liegt. „Wenn in der Kabine nun plötzlich ein großes Loch entsteht, gleicht sich der Druck schlagartig aus.“ In der Folge würden Gegenstände oder auch nicht angeschnallte Passagiere durch die Öffnung gesaugt. „Je größer die Öffnung ist, desto schneller geschieht das.“ Mit dem Druckabfall verbunden sei das Herabfallen von Sauerstoffmasken in der Kabine, was den Zeugenaussagen zufolge auch geschehen ist.
Betroffener Passagier ins Krankenhaus eingeliefert
Die meisten Passagiere wurden mit einer Ersatzmaschine nach Memmingen geflogen. Der Passagier, der neben der beschädigten Scheibe gesessen haben soll, wurde vom Rettungsdienst in ein Krankenhaus in Thessaloniki gebracht, berichtete der griechische Rundfunk ERT. Den Informationen zufolge stammt der Mann aus Serbien. Die Ermittlungen wurden aufgenommen. Nach dem Vorfall verweist die dpa auf Sicherheitsinformationen des Luftfahrt-Bundesamts, nach denen Flugpassagiere möglichst immer angeschnallt bleiben sollten. Trotz moderner Technik komme es auf Flügen immer wieder zu heftigen Bewegungen der Maschine, verursacht etwa durch Turbulenzen. Der angelegte Sicherheitsgurt solle bei unvorhergesehenen Ereignissen verhindern, dass Reisende aus den Sitzen geschleudert werden.



