Stress kann das Gedächtnis auf unerwartete Weise beeinflussen: Während sich Menschen unter Stress einzelne Details erstaunlich gut einprägen können, bricht eine andere wichtige Fähigkeit ein – die Fähigkeit, Informationen zu abstrahieren und Zusammenhänge zu erkennen. Das zeigt eine neue Studie der Universität Hamburg, die im Fachjournal „Current Biology“ veröffentlicht wurde. Die Ergebnisse haben weitreichende Konsequenzen für Lernen, Prüfungssituationen und sogar für die Glaubwürdigkeit von Augenzeugenberichten vor Gericht.
Die Studie: Wie Stress das Gedächtnis verändert
Lars Schwabe, Leiter des Arbeitsbereichs Kognitionspsychologie an der Fakultät für Psychologie und Bewegungswissenschaft der Universität Hamburg, und sein Team untersuchten in mehreren Experimenten, wie akuter Stress die Gedächtnisbildung beeinflusst. Die Probanden wurden entweder einer Stresssituation ausgesetzt oder einer Kontrollgruppe zugeordnet. Anschließend mussten sie sich verschiedene Objekte merken, die bestimmten Kategorien zugeordnet waren.
Das überraschende Ergebnis: Die gestressten Teilnehmer konnten sich die einzelnen Objekte genauso gut merken wie die entspannten Probanden. Doch als es darum ging, die zugrunde liegenden Regeln zu erkennen und auf neue, ähnliche Objekte zu übertragen, schnitten die gestressten Teilnehmer deutlich schlechter ab. „Unser Gehirn ist nicht nur ein passiver Speicher“, betont Schwabe. „Es verarbeitet Informationen aktiv und bildet Verallgemeinerungen. Genau diese Fähigkeit geht unter Stress teilweise verloren.“
Warum das Gehirn unter Stress anders arbeitet
Die Forscher erklären das Phänomen mit der veränderten Aktivität des präfrontalen Kortex, einer Gehirnregion, die für komplexe Denkprozesse und die Integration von Informationen zuständig ist. Unter Stress wird diese Region weniger aktiv, während das limbische System, das für emotionale Reaktionen zuständig ist, stärker arbeitet. Dadurch verarbeitet das Gehirn Informationen eher als isolierte Einzelfakten statt als Teil eines größeren Ganzen.
Diese Veränderung hat einen evolutionären Hintergrund: In Gefahrensituationen ist es überlebenswichtig, sich konkrete Details wie den Ort einer Bedrohung oder das Aussehen eines Gegners einzuprägen. Abstraktes Denken wäre in solchen Momenten hinderlich. Im modernen Alltag kann dieser Mechanismus jedoch zum Nachteil werden, etwa bei Prüfungen, wo nicht nur Faktenwissen, sondern auch das Verständnis von Zusammenhängen gefragt ist.
Folgen für Lernen und Prüfungen
Für Schüler und Studenten bedeutet das: Wer unter starkem Prüfungsdruck steht, kann sich zwar einzelne Fakten merken, hat aber möglicherweise Schwierigkeiten, diese in einen größeren Kontext einzuordnen. „Wer unter Stress lernt, sollte sich bewusst machen, dass das Verständnis für Zusammenhänge leidet“, sagt Schwabe. Er empfiehlt, Lernstoff nicht nur auswendig zu lernen, sondern regelmäßig zu wiederholen und zu vertiefen, um die Abstraktionsfähigkeit zu trainieren.
Die Studie könnte auch erklären, warum manche Menschen in Prüfungen trotz guter Vorbereitung scheitern: Sie haben die Inhalte zwar gespeichert, können aber unter Stress nicht darauf zugreifen, um neue Probleme zu lösen. „Es ist nicht das Gedächtnis selbst, das versagt, sondern die Fähigkeit, das Gelernte flexibel anzuwenden“, erläutert der Psychologe.
Auswirkungen auf Augenzeugenberichte
Besonders brisant sind die Ergebnisse für die Justiz: Augenzeugen, die eine Straftat unter Stress erlebt haben, erinnern sich möglicherweise sehr genau an einzelne Details wie die Waffe oder die Kleidung des Täters, können aber Schwierigkeiten haben, das Geschehen als Ganzes zu rekonstruieren. „Unsere Studie legt nahe, dass Aussagen von Zeugen, die unter Stress standen, mit Vorsicht zu bewerten sind“, sagt Schwabe. „Sie können in Details sehr präzise sein, aber die Einordnung in den Gesamtzusammenhang kann fehlerhaft sein.“
Das könnte erklären, warum es in Gerichtsverfahren immer wieder zu Fehlurteilen kommt, die auf falschen Zeugenaussagen beruhen. Die Forschungsergebnisse könnten dazu beitragen, Verhörtechniken zu verbessern und die Aussagekraft von Zeugenaussagen realistischer einzuschätzen.
Wie man die Gedächtnisflexibilität trainieren kann
Die gute Nachricht: Die Gedächtnisflexibilität ist trainierbar. Wer regelmäßig sein Gehirn fordert, etwa durch Rätsel, neue Lerninhalte oder kreative Tätigkeiten, kann die Fähigkeit zur Abstraktion stärken. Auch Entspannungstechniken wie Meditation oder Atemübungen können helfen, die negativen Auswirkungen von Stress auf das Gedächtnis zu reduzieren.
Schwabe und sein Team planen bereits Folgestudien, um zu untersuchen, ob und wie sich die Effekte durch gezieltes Training oder Medikamente abschwächen lassen. Bis dahin gilt: Wer wichtige Entscheidungen treffen muss, sollte versuchen, Stress zu reduzieren – nicht nur für das Wohlbefinden, sondern auch für die geistige Leistungsfähigkeit.



