Täglicher Anruf bei Mama: Psychologin Stahl warnt vor verdeckter Abhängigkeit
Täglicher Anruf bei Mama: Psychologin Stahl warnt

Berlin. Täglicher Kontakt zu den Eltern gilt oft als Zeichen einer engen Familienbeziehung. Doch die bekannte Psychologin Stefanie Stahl warnt: Dahinter kann eine ungesunde emotionale Abhängigkeit stecken. In einem Interview mit unserer Redaktion erklärt sie, warum häufige Anrufe nicht automatisch für eine gute Bindung stehen.

Ein Drittel der Erwachsenen hat täglichen Kontakt

Etwa ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland pflegt täglichen Kontakt zu den Eltern. Viele sehen darin ein Zeichen von Nähe. Doch Stahl betont: „Du kannst eine wunderbare, gesunde Beziehung zu deiner Mutter haben und nur einmal im Monat telefonieren. Und du kannst eine hochproblematische Beziehung haben und jeden Tag mehrmals Kontakt.“ Die Qualität der Bindung lasse sich nicht an der Häufigkeit des Kontakts ablesen.

Die verdeckte Botschaft hinter ständigen Anrufen

Besonders problematisch wird es laut Stahl, wenn der Kontakt von versteckten Botschaften begleitet wird. Sätze wie „Endlich gehst du ran“ oder „Da bist du ja, ich habe mir Sorgen gemacht“ sind demnach Anzeichen für emotionale Abhängigkeit. „Diese Aussagen transportieren eine verdeckte Botschaft: Du bist nicht frei, du gehörst mir“, erklärt die Psychologin. Oft seien sich die Beteiligten dieser Dynamik gar nicht bewusst.

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Wann wird enger Kontakt ungesund?

Laut Stahl wird es dann kritisch, wenn der Kontakt aus Pflichtgefühl oder Angst vor Schuldzuweisungen erfolgt. „Wenn du das Gefühl hast, du musst dich melden, sonst gibt es Ärger oder du fühlst dich schlecht, dann ist das ein Warnsignal.“ Auch wenn die eigenen Grenzen nicht gewahrt werden – etwa wenn die Mutter ohne Vorankündigung vor der Tür steht oder ständig Nachrichten sendet –, könne dies die Autonomie des Erwachsenen untergraben.

Auswirkungen auf das gesamte Leben

Die Folgen einer solchen Abhängigkeit sind weitreichend. „Betroffene haben oft Schwierigkeiten, in anderen Beziehungen gesunde Grenzen zu setzen“, so Stahl. Auch beruflich oder in der Partnerschaft könne sich das Muster fortsetzen. „Manche Menschen bleiben in einer Art kindlichen Rolle, was sie daran hindert, erwachsene Verantwortung zu übernehmen.“

Wie man eine gesunde Distanz findet

Stahl rät, das eigene Verhalten zu reflektieren: „Frage dich ehrlich: Rufe ich an, weil ich es möchte, oder weil ich mich verpflichtet fühle?“ Wer Abhängigkeiten erkenne, könne Schritt für Schritt neue Gewohnheiten einführen – etwa feste Telefontermine vereinbaren oder die Häufigkeit bewusst reduzieren. „Eine gesunde Beziehung hält auch mal ein paar Tage Stille aus“, betont die Psychologin.

Abschließend sagt Stahl: „Es geht nicht darum, den Kontakt abzubrechen, sondern darum, ihn aus Freiheit zu gestalten – nicht aus Zwang.“

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